Krimiwissen: Gift als Mordwaffe

Sauber und logisch morden in der Literatur – mit Gift

Sybil Quinke (Foto: Charlotte Schweitzer)

 

von Sibyl Quinke

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    Alle Hinweise, die der folgende Text enthält, sind ausschließlich zur literarischen Verwendung gedacht, mit dem Ziel Vergiftungen in Krimis und Thrillern medizintechnisch korrekt zu schildern. Danke, dass Sie verantwortungsbewusst mit diesen Informationen umgehen. Eine Haftung für Zuwiderhandlungen vonseiten Autorin, Redaktion und Verlag ist ausgeschlossen.

Für den (Regel-)Krimi brauchen wir eine Leiche. Und das mit dem Gift ist eine saubere Sache. Stellen Sie sich vor: der Anwalt erschossen, die ganzen Blutspritzer an der Wand oder die Ärztin erstochen, die Blutlache auf dem Boden, was für eine Sauerei, und wer macht das sauber?

Doch wie funktioniert das mit dem Gift? Die Antwort hat uns Theophrastus Bombastus von Hohenheim gegeben, ab 1529 nannte er sich Paracelsus: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.“ – Also, die Dosis macht’s! – Das stimmt nicht ganz, aber dazu später.

Die Herausforderung: Der Körper wehrt sich

Wenn ich meinen Protagonisten vergiften will, ist eine Frage besonders wichtig: Wie mache ich das?

Man sieht es regelmäßig in Filmen: Der Inhalt eines Fläschchens wird in Whisky oder Tee geschüttet, das Opfer trinkt, bemerkt nichts und fällt anschließend tot um. Das klappt eventuell noch bei Zyankali, in der richtigen Dosierung versteht sich, aber funktioniert in der Realität meist nicht.

Zwingende Vorrausetzung, um jemanden zu vergiften: Ich muss das Corpus Delicti, das Gift, in den Körper des Opfers hineinbringen. Das ist nicht immer so filmeinfach, denn der Körper wehrt sich. – Oft schmeckt es sehr bitter und/oder das Vergiftungsopfer erbricht, denn unser Organismus verfügt über ein sogenanntes protektives System, das heißt, er versucht sich selbst zu schützen. Ich will das kurz erläutern. Das gilt nicht nur für Gift. Nehmen wir eine heiße Herdplatte: Sie berühren sie und ziehen sofort Ihre Hand weg. Alles andere wäre fatal. Sie werden sich kaum aufstützen und feststellen „Oh, es ist heiß!“ und dann anfangen zu überlegen, was Sie tun wollen, etwa die Hand gar braten lassen oder wegnehmen. Nein, Ihr Organismus schützt Sie. Sie ziehen die Hand reflektorisch weg, ohne dass Sie die Chance bekommen darüber nachzudenken.

Auch Durchfall und Erbrechen sind Schutzmechanismen. Sie finden diese oft auf der Packungsbeilage von Arzneimitteln, unter der Rubrik Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten, gern mal verklausuliert als „gastrointestinale Störungen“. Arzneien/Medikamente sind grundsätzlich alle Gift. Gut proportioniert nutzen sie dem Patienten. Nur wenn er oder sie zu viel davon einnimmt, zeigen sich erste Vergiftungserscheinungen. Dabei ist es dem Organismus völlig gleichgültig, ob es sich um ein Arzneimittel handelt oder um grünliche, vergammelte Wurst oder um Cholera-Bakterien.

Womit bringt die Mörderin das Opfer um?

Wenn ich unter Kolleginnen und Kollegen allgemein nach bekannten Giften frage, bekomme ich ganz schnell Antworten, die nur aus einem Wort bestehen, wie: „Zyankali, Arsen, Eisenhut …“ Als wenn damit der Krimi schon geschrieben wäre. Oder es heißt: „Zyankali ist ja langweilig, das kennen wir alle.“ Also, ich finde Zyankali überhaupt nicht langweilig.

Zyankali ist ein wunderbares Gift! Es riecht so lecker nach Mandeln! Meine Mörderin, nennen wir sie Irene, könnte ihr Mordopfer zum Kaffee einladen und für diesen Nachmittag Mandelhörnchen backen. Das Gift würde Irene erst nach dem Backen einspritzen, damit es während des Backvorganges nicht als Blausäure verschwindet. Zyankali wirkt extrem schnell, in wenigen Minuten – korrekt dosiert versteht sich –, sodass das Mordopfer vor der Polizei keine Aussagen mehr machen kann. Zwar gibt es ein Gegenmittel, aber so schnell lässt sich das nicht heranschaffen.

Jetzt braucht Irene nur noch das Gift. Wo kriegt sie es her? Gifte kann man grundsätzlich in der Apotheke kaufen. Sie waren alle schon einmal in einer Apotheke, haben Ihr Rezept hingelegt und kurz darauf Ihre Medikamente erhalten. Das funktioniert, denn der Apotheker unterliegt einem sogenannten Kontrahierungszwang: Er muss die Medikamente besorgen und das Rezept beliefern. Doch welche Ärztin schreibt auf ein Rezept: ein Pfund Zyankali? – Sie kennen keine? Ich auch nicht, aber macht nichts. Zyankali ist gar nicht verschreibungspflichtig. Sie brauchen gar kein Rezept. Günstig für Giftmörder wie Irene.

Also geht Irene in eine Apotheke und verlangt ein Pfund Zyankali. Dann kommt der Apotheker und fragt sie: „Wofür brauchen Sie es denn?“ Denn er entscheidet vor Ort, ob er Irene oder sonst jemandem das verkaufen mag. (Noch! Gesetzliche Änderungen sind in Vorbereitung.) Um ihm die Entscheidung zu erleichtern, sollte Irene einen seriösen Eindruck machen und eine gnadenlos gute Begründung bereithalten … Ich weiß keine, aber Sie und Ihr Mörder sind vielleicht schlauer, und wissen eine, und haben auch eine Apothekerin gefunden, die ihm das abnimmt. (Juweliere haben es früher gerne verwendet, um ihr Gold mit einem besonderen Glanz zu versehen.)

Nehmen wir mal an, Ihre Apothekerin glaubt Ihrem Mörder. Sie besorgt das Gift, dann muss er sich ausweisen und seine Personalien werden in das Giftbuch eingetragen … Wenn dann in Kürze in der Zeitung steht: „Schwiegermutter mit Zyankali vergiftet …“ – Ungünstig für den Mörder, wenn er dokumentiert ist.

Lieber mit Arsen?

Nehmen wir halt Arsen, das soll auch mit Spitzenhäubchen funktioniert haben. Es eignet sich hervorragend zum Vergiften: Es ist geruchlos, weiß, schmeckt leicht süßlich und kann gut unter das Essen gemischt werden. – Arsen, genauer Arsenverbindungen, wirken ab 60 Milligramm.

Die lange Latenzzeit der Arsenvergiftung kann der Täter gut für sein Alibi nutzen. Schon die Griechen und Römer wussten von seiner Wirkung und setzten es ein. Bei den Arabern gehörte die Kenntnis um seine Giftigkeit bereits im achten Jahrhundert zum Allgemeinwissen und ab dem 14. Jahrhundert war es an französischen Königs- und Fürstenhäusern beliebt, bis es dann auch Italien erreichte. Alternativ zur akuten Vergiftung bot sich die chronische Vergiftung an. Gab man dem Opfer regelmäßig geringe Dosierungen von Arsen, so verlor es den Appetit, die Liebe zum Leben, hatte ständig Durst. Kraftlosigkeit und Abzehrung wurden als Krankheitszeichen fehlgedeutet: Die Haut war feucht und kalt, es gab Lungenprobleme, bis das Opfer endlich starb.

Außerdem war es ein beliebtes Gift bei Hofe, in Versailles wie auch Florenz. Nicht umsonst erhielt das Arsen den Beinamen „poudre de succession“: Erbschaftspulver. – Gustave Flauberts Mme Bovary hat damit Selbstmord verübt. Und Marie-Madeleine-Marguerite d‘Aubray, die Marquise de Brinvilliers, nutzte es zusammen mit ihrem Lover Sainte-Croix, tötete so mehrere Verwandte und andere ihr unliebsam gewordene Zeitgenossen. Um die Dosis auszutesten, wendeten sie das Arsen zuvor an einem Dienstboten und an etwa 50 Menschen, meist todgeweihten Kranken, im Hôtel-Dieu an.

Also, das perfekte Mittel? Leider nein. Mit heutigen Mitteln lässt sich der Einsatz von Arsen sehr lange nachweisen, abgesehen davon hat Irene, wenn sie es kaufen will, dasselbe Theater wie mit dem Zyankali vor sich, Arsen gibt es auch nicht im Supermarkt.

Apropos Supermarkt. Es lohnt sich dort zu schauen, dort gibt es Gifte en masse und alles ohne Giftbuch!

Also geht Irene zum REWE oder zu ALDI. Was gibt es da? Putzmittel, Waschpulver, Ameisenköder. Dass die giftig sind, steht auf den Verpackungen. Alle sind besonders gekennzeichnet und zwar in Form von Piktogrammen; obwohl, das Gesetz kennt gar keine Gifte, sondern nur Gefahrstoffe. Das Problem: Wird ihr Opfer locker ein Gläschen Dan Klorix oder Domestos trinken?

Haushaltsmittel: eine Alternative?

Okay, so klappt das mit dem Vergiften auch nicht. Gut, dann schaut Irene sich mal in ihrem Haushalt um, ob sich da etwas finden lässt. Es gibt naheliegende Gifte, zum Beispiel Kochsalz. Glauben Sie nicht? Doch, doch, allerdings müssen Sie etwa zehn Esslöffel davon schlucken. Wobei die Gefahr besteht, dass ihr protektives System dazwischenfunkt und Erbrechen auslöst.

Was gibt es noch? Wasser. Davon hat Irene genug, wenn Sie die Leitung aufdreht, ganz normales Wasser, es muss gar nicht destilliert sein: Allerdings muss ihr Opfer dann zehn Liter innerhalb von zehn Minuten trinken. Das Wasser läuft quasi durch dessen Körper und schwemmt dabei alle Mineralien aus, die es so braucht und dann gibt es heftige Stoffwechselstörungen. – Unrealistisch, um jemanden damit zu vergiften.

Welche Möglichkeiten bleiben? Schauen wir uns historische Fälle an. Ich komme aus Wuppertal, und da hat es in den 1980-iger Jahren einen Todesengel gegeben: Michela Roeder; auf das Konto der Krankenschwester gingen einige Todesfälle auf der Intensivstation. Die Betroffenen waren an Infusionen angeschlossen, in die sie Kaliumchlorid spritzte. Und das löst überdosiert sehr rasch einen Herzstillstand aus. Es kommt natürlich im Organismus vor und ist so kaum nachweisbar. Allerdings, es muss intravenös gespritzt werden. Wird Irenes Nachbarin ihr freiwillig den Arm hin- und stillhalten, damit sie es injizieren kann?

Von historischen „Vorbildern“ lernen

1954 gab es den Fall der Christa Lehmann: Sie war eine lebenshungrige Frau. Personen, die ihrem vergnügtem Leben im Wege standen, wollte sie eliminieren. Sie verwendete E°605. Es waren die ersten Morde, die mithilfe dieses Insektizides verübt wurden. Sie hatte das Produkt im Schaufenster einer Drogerie gesehen. Vor der Giftigkeit wurde gewarnt, aber es war frei verkäuflich. Sie testete das Mittel zunächst an ihrem Dackel, dann musste ihr Mann daran glauben. Der Vergiftungsfall wurde als Durchbruch eines Magengeschwürs fehldiagnostiziert. Ihr nächstes Opfer war ihr Schwiegervater: Ihm hatte sie das Gift in den Joghurt gerührt und eine halbe Stunde später fiel er tot vom Fahrrad. Schließlich verschenkte sie Schokoladenpilze, von denen einer mit E 605 gefüllt war. Das Opfer biss hinein und spie die die Praline aus: „Die ist ja bitter!“. Der Spitz machte der sich sofort über die „Leckerei“ her, bezahlte das mit dem Leben, die Frau, die hineingebissen hatte, brach kurz darauf zusammen und verschied.

Auch Maria Velten, die „Gifthexe vom Niederrhein“ nutzte E 605. So, und da sind wir bei den Pflanzenschutzmitteln angelangt, die nicht ohne Grund in den Gartencentern unter Verschluss gehalten werden. Allerdings schmecken sie meist widerlich, das mit dem Joghurtmord hatte nur funktioniert, da Lehmann ihm viel Zucker untergerührt hatte.

In die Geschichte ging auch der Insulin-Mord von Kenneth Barlow ein. Der Krankenpfleger berichtete, seine Frau habe sich übergeben und stark geschwitzt, bevor sie sich ein Bad einließ. Sie sei in der Wanne ertrunken. Er sei zu spät hinzugekommen, sodass er sie, trotz Reanimation, nicht mehr hätte retten können. Detective Sergeant Naylor und dem aufmerksamen Arzt genügten die Angaben des Ehemannes nicht. Die ungewöhnlich großen Pupillen der Toten und geringe Unstimmigkeiten lösten eine intensive Suche nach toxischen Substanzen aus: Barlow hatte behauptet, er habe seine Frau aus der Badewanne gezogen … Wände und Boden waren jedoch spritzerfrei und die Nachbar hatten ausgesagt, die Ärmel seine Pyjamas und seines Morgenmantels seien trocken gewesen: http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/002581725802600204. Hinzu kam: Es waren einige gebrauchte Spritzen gefunden worden, aber keine injizierbaren Medikamente dazu (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2235920/). Bei genauerer Untersuchung der Leiche fand man zwei Einstichstellen, in jeder Pobacke eine. Der forensisch tätige Pathologe konnte in den Gewebeproben Insulin nachweisen. Ein Suizid wurde ausgeschlossen, denn die Einstichstellen befanden sich in einer Gesäßfalte, die man selbst nicht trifft. Es war der erste Fall einer Tötung mit diesem Hormon, die im Jahre 1957 nachgewiesen wurde. (Durch die zugeführte Dosis hatte Regina Barlow das Bewusstsein verloren, erst danach kam ihr Kopf unter Wasser.) Kenneth Barlow wurde wie Christa Lehmann letztendlich verurteilt.

Das berühmte Regenschirmattentat geht auf eine Rizinvergiftung zurück. Man macht den bulgarischen Geheimdienst dafür verantwortlich. Das Opfer, der bulgarische Schriftsteller und Regimekritiker Georgi Markow, wurde auf der Londoner Waterloo Bridge scheinbar zufällig mit einem Regenschirm am Bein verletzt. Dabei wurde ihm, wie später herauskam, eine winzige Kugel injiziert, diese gab langsam das hochgiftige Rizin ab. Fieber und ein verrücktspielender Blutdruck waren die ersten Folgen. Markow starb vier Tage nach dem Attentat.

Hände hoch oder ich kartoffele dich!?

Es gab auch einmal eine behördlich verordnete Vergiftung: Das war 1746 der sogenannte Kartoffelbefehl von Friedrich dem Großen. Die Kartoffel hatte gerade den Weg über den Ozean zu uns geschafft und sollte die Hungersnot in Preußen beenden. Der Preußenkönig verfügte, dass die Kartoffel anzubauen sei. Doch die Bevölkerung aß statt der Knollen die grünen Blätter und Früchte der Pflanze. Und letztere sind hochgiftig, ähnlich giftig wie die Tollkirsche. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Kartoffel, die Tomate und eben die Tollkirsche wie auch die Alraune (ihr werden auch mystische Eigenschaften zugesprochen) gehören zu den Nachtschattengewächsen, den Solanaceaen. Und es ist bei den Pflanzen wie bei uns Menschen, es gibt Familienähnlichkeiten: Diese Pflanzen produzieren alle ein ähnliches Gift, nämlich Atropin, Hyoscyamin und Scopolamin oder auch Solanin. In den grünen Früchten der Kartoffel, den unreifen Früchten der Tomate oder in den reifen Beeren der Tollkirsche sind diese Substanzen enthalten.

Könnte Irene ihr Opfer mit einem Salat aus unreifen Tomaten und oberirdischen Kartoffelfrüchten zur Strecke bringen? – Wohl nicht, denn das Opfer würde sie ausspucken, ihr Verkosten endete früher vor allem mit Bauchschmerzen oder Vergiftungserscheinungen, sodass die gesamte Kartoffel den Ruf einer Giftpflanze erhielt, erst 400 mg gelten als tödlich für den Menschen.

Das Pfeilgift als Lösung?

Batrachotoxin ist ein Gift, das aus der Haut südamerikanischer Pfeilgiftfrösche gewonnen wird – oder aus dem Gefieder verschiedener Vögel Neuguineas. Könnte Irene dazu greifen oder nach Schlangengiften? Nun, man begegnet hier so selten Klapperschlangen. Und in unseren Breitengraden verändern die Tiere ihren Stoffwechsel, entwickeln oft nicht mehr diese starken Gifte.

Was ist mit Nowitschok?

Die Herstellung und der Umgang mit Nervengiften wie VX oder Nowitschok ist extrem kompliziert. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter sich selbst bei dem Anschlag vergiftet, ist hoch. Irene kommt da auch gar nicht ran. Es sei denn, sie arbeitet beim Geheimdienst und ich schreibe einen Thriller ... Nun ist sie aber Pastorin oder Hundefriseurin. Sie braucht ein Gift, das frei zugänglich ist und wozu sie nicht mit einem Apotheker diskutieren muss.

Bevor wir da zu konkreten Beispielen kommen, ein paar grundsätzliche Hinweise:

  • Berücksichtigen Sie die Jahreszeit, in der Ihre Geschichte spielt. Sie ist wichtig, etwa, weil man die Tollkirsche nur im August ernten kann, und nicht sehr lange aufbewahren, es sei denn als Tinktur. Also ein Todesfall mit Tollkirschen zur Weihnachtszeit ist eher unrealistisch. Da sollten wir Irene eher zur Christrose greifen lassen.
  • Nicht jeder Pflanzenteil ist gleich giftig. Die Konzentrationen des Giftes sind oft ungleich verteilt.
  • Wenn Sie ein Gift für Ihren Protagonisten aussuchen, muss es in sehr geringen Dosen wirken, sonst kriegt der es nicht unter das Essen gemischt.

Pflanzengifte: erste Wahl für Irene

Warum sind pflanzliche Gifte empfehlenswert? Bei ihren Inhaltsstoffen handelt es sich meist um sogenannte Alkaloide, also Pflanzenbasen. Die wirken immer gleich, und zwar greifen sie an der neuromuskulären Übertragung an, also da, wo der Nervenimpuls auf die Muskelfaser übertragen wird. Diese wird blockiert; das Opfer wird gelähmt oder zu sehr befeuert und dann krampft es sich zu Tode. Diese Mechanismen gelten für das:

  • Aconitin aus dem Eisenhut, der von Juni bis in den Oktober blüht. Alle Pflanzenteile, besonders die Wurzel, sind stark giftig.
  • Strychnin. Es wird immer wieder gerne in Krimis bemüht, und es wirkt richtig gut. Obwohl – die Samen sind centgroß. Nun, die lassen sich zerkleinern und zermörsern, dann haben wir ein braunes Pulver. Es ist als Krampfgift ganz schön eklig für das Mordopfer. – „Nachteil“: Es schmeckt auch in hohen Verdünnungen so extrem bitter, dass weder eine Meerrettichsoße noch ein hochprozentiger Schnaps oder ein extrem scharf gewürztes Gericht diesen Geschmack überdecken können.
  • Coniin, der Inhaltsstoff von Schierling, Gefleckter Schierling, Kugelfisch oder Hundspetersilie lähmt nach und nach alle Muskeln. Coniin wird von Schleimhäuten und der intakten Haut gut aufgenommen. Die Pflanze riecht allerdings nach Mäuseharn und brennt im Mund. Der Tod tritt bei vollem Bewusstsein durch Lähmung der Brustkorbmuskulatur ein. Irene kann ihrem Opfer das Motiv der Tat noch an den Kopf werfen – und er oder sie kann sich nicht mehr wehren.

Coniin ähnelt in seiner Wirkung anderen Giftstoffen; dazu gehören das Nicotin aus der Tabakpflanze, das Cytisin, das sich im Goldregen findet oder das Arecolin aus den Samen der Betelnüsse.

Kommen wir zur Gruppe der Herzglykoside. Sie haben chemisch alle eine ähnliche Struktur und wirken gleich; was sie hauptsächlich unterscheidet ist die Wirkdauer, und die ist sehr lang. Oral verbreicht werden sie gut aufgenommen. Blätter eignen sich dazu, im Salat untergemischt zu werden. Dazugehörige Vergiftungsanzeichen sind Übelkeit, Durchfall, Herzrhythmusstörungen, Schwindel, auch anfallsartig, Ohrensausen und ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Die Pulsfrequenz sinkt. Das Opfer kann verwirrt sein, halluzinieren, Wahnvorstellungen oder Sehstörungen haben, also alles gelb-grün sehen.

Herzglykoside finden sich ...

  • ... im Fingerhut. All seine Pflanzenteile sind hochgiftig. Bereits der Verzehr von zwei bis drei Blättern kann tödlich enden. Aufgrund des bitteren Geschmacks kommt es allerdings selten zu Vergiftungen. Tabletten, die sein Herzglykosid enthalten, können schnell zu starken Unverträglichkeiten führen, denn bereits bei einer Verdopplung der Dosis treten Vergiftungssymptome auf. Für alle, die Krimis schreiben, heißt das: Da kann man schon mit wenigen Pillen etwas ausrichten!
  • ... in Maiglöckchen: Besonders die Blüten und Früchte sind hochgiftig. Nach dem Genuss von einer bis zu fünf Beeren treten bereits Herzrhythmusstörungen auf.
  • ... in der Christrose. All ihre Pflanzenteile sind giftig. Die stärkste Giftkonzentration befindet sich im Wurzelstock. (Überliefert ist dazu der Spruch: „Drei Tropfen machen rot, 10 Tropfen machen tot.“)

Außerdem gibt es die Anticholinergika, auch Parasympatholytika genannt. Bekannteste Vertreter dieser Gruppe sind die Tollkirsche sowie alle Arten der Engelstrompete. Sie enthalten vor allem L-Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin und beeinflussen das zentrale Nervensystem. Hyoscyamin wirkt höher dosiert stark erregend, Scopolamin dämpfend. Die Folge: Er ist das Mordopfer sehr aufgeregt, dann verfällt es in eine Apathie bis hin zur Willenlosigkeit.

Das Gemeine an der Tollkirsche ist: Im Gegensatz zu den anderen Giften schmeckt sie süß und lecker. Irenes Opfer bemerkt zunächst vielleicht einen trockenen Mund, seine Pupillen weiter sich, es sieht in der Nähe schlecht, ihm wird heiß, sein Herz jagt. Mit steigender Dosis geht die starke Wirkung, unter Umständen begleitet von Fieber, in ein Koma über. Der Tod tritt durch Atem- und Herzstillstand ein.

Die Schwarze Tollkirsche galt als Zauberpflanze. Einem aus der Wurzel gebrauten Trank wurde eine aphrodisische Wirkung nachgesagt, weshalb man ihm „Liebestropfen“ zusetzte. (1)

Und: Frauen, die sich als Hexen bezeichneten, rieben sich mit sogenannten Hexensalben ein, die Pflanzenextrakte aus Schwarzer Tollkirsche, Bilsenkraut, Alraune oder Stechapfel enthielten (Siehe auch: https://hexe.org/h-kraut/flugsalbe.htm; https://www.krautundwurzel.com/die-hexensalbe/). Sie glaubten, dann fliegen oder sich in Tiere verwandeln zu können. Für diese halluzinogene Wirkung haben Wissenschaftler übrigens die Inhaltsstoffe verantwortlich gemacht. Verwandlungen und Flüge wurden im Schlaf nicht als Traum wahrgenommen, sondern als real erlebt. In Hexenprozessen nutzte man diese Wirkung, um erotische Träume und Wahnzustände auszulösen und Geständnisse zu provozieren. Die haben dann den Hexenverdacht bestätigt.

Sonstige Giftpflanzen:

Die Herbstzeitlose (als Zwiebel im Salat): In allen Pflanzenteilen steckt das stark giftige Alkaloid Colchicin, genug, um Vergiftungen auszulösen. Der Gehalt schwankt im Jahresverlauf und nimmt mit der Samenreifung zu. Auch in getrockneten Pflanzenteilen bleibt das Colchicin erhalten.

Vergiftungserscheinungen treten meist erst nach zwei bis sechs Stunden auf. Die Symptome: zunächst Brennen im Mund, Schluckbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen, oft begleitet von blutigen Durchfällen. Je nach Dosis führt es vor allem bei Kindern zum Tod durch Atemlähmung oder Kreislaufversagen; häufig wird die Niere geschädigt.

Für einen Erwachsenen braucht man schon relativ viele frische Blätter, um ihn ins Jenseits zu befördern. Da wird es schon schwierig, diese unterzumischen. Ihre Knollen kann man allerdings leicht mit Küchenzwiebeln verwechseln. Das Gift der Herbstzeitlosen hat eine sehr lange Latenzzeit: Es braucht etwa sechs Stunden, bis sich die ersten Symptome zeigen. Das späte Erkennen macht es unserer Irene leicht, für ein Alibi zu sorgen!

Bleibt noch das Rizin: Wir haben es bereit mit dem Regenschirmattentat kennengelernt. Es ist ein äußerst giftiges Protein aus den Samenschalen des Wunderbaums, auch Ricinus communis genannt. Die Samen kann man problemlos im Internet bestellen. Bereits ein zerkauter Samen kann schwerwiegende Krankheitszeichen verursachen. Intravenös, inhalativ oder unter die Haut gespritzt reichen dafür bereits um die 40 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht. Nach mehreren Stunden bis Tagen können folgende Symptome auftreten: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwäche, jagender Puls, Bauchkrämpfe und akuter Flüssigkeitsverlust, Krämpfe generell, Fieber sowie Leber- und Nierenschäden. Der Tod tritt nach wenigen Tagen durch Lähmung des Atemzentrums ein.

Kleine Besonderheiten in Sachen Giftkunde

Sie kennen das Pfeilgift der Indianer? Mit ihren Blasrohren erledigen sie mit vergifteten Pfeilspitzen Tiere, die später gegrillt gegessen werden. Die Tiere sterben, die Indianer nicht. Das liegt daran, dass das Gift, Curare, direkt in die Blutbahn gelangen muss, sonst wirkt es nicht.

Hat Ihre Protagonistin vielleicht ein Schmerzpflaster mit Morphin oder Fentanyl auf der Schulter kleben? Dann könnte ihr Mörder sie beim Friseur unter die Wärmehaube schicken. Die höhere Temperatur lässt nicht nur die Haare trocknen, sondern durchblutet auch die Haut besser. Und schließlich wird das starke Schmerzmittel, das es bis in die Haut geschafft hat, mit dem Blut schneller abtransportiert und ihre Todeskandidatin hört auf zu atmen.

Sagen wir, Ihre Figur, zum Beispiel eine Erbtante, die nicht sterben will, hat ein schwaches Herz und erhält deshalb Tabletten, die einen Extrakt aus dem Fingerhut enthalten. Sie haben oben aufmerksam gelesen? Etwas zu viel davon kann Herzrhythmusstörungen hervorrufen. Die kann man natürlich behandeln, zum Beispiel mit Chinidin aus der Rinde des Chinarindenbaums. Das Vertrackte daran ist, dass beide Substanzen, das Herzglykosid und das Chinidin, zu einem hohen Anteil an Eiweißkörper im Blut gebunden werden. Jetzt stehen die Wirkstoffe in Konkurrenz zueinander, mit anderen Worten: Das Herzglykosid wird aus seiner Parkposition verdrängt, die Konzentration der freien und damit sofort wirkkräftigen Substanz in der Blutbahn steigt und kommt voll zur Geltung. Schon wieder ein Todesfall, den Ihr Kommissar zu bearbeiten hat.

Wer sich noch genauer informieren möchte, dem empfehle ich Wikipedia.de, das Onlinelexikon ist für diesen Bereich erstaunlich gut und korrekt bestückt, oder auch das Handbuch für Giftmörder von Jürgen Thorwald, das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist.

 

Anmerkungen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Zauberpflanze; https://books.google.de/books?isbn=374070070X

Linktipps

Standardlehrbuch zu den genannten Giftstoffen:

Mutschler, Ernst / Geisslinger, Gerd / Kroemer, Heyo K / Menzel, Sabine / Ruth, Peter: Mutschler Arzneimittelwirkungen: Pharmakologie – Klinische Pharmakologie – Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2012

Über die Autorin

Sibyl Quinke ist promovierte Apothekerin einer eigenen Art: Sie vergiftet leidenschaftlich gerne ihre Opfer und dokumentiert das in ihren Regionalkrimis.

Die gebürtige Freiburgerin schreibt seit Jahren als freie Mitarbeiterin Artikel für die Bergischen Blätter. Mit der Zeit entstanden auch Märchen und lyrische Texte. Sie hat diverse Preise bei Ausschreibungen gewonnen und geht mit einem Bühnenprogramm auf Tour.

Sie ist Mitglied im Literaturkreis ERA e.V., sie war Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift KARUSSELL und ist Mitglied im Schriftstellerverband sowie dem SYNDIKAT und gehört zu den Mörderischen Schwestern.

2016 erhielt sie das Stipendium Tatort Töwerland.

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