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Blutspuren lügen nicht

von Anette Gilles

Best of Benecke: Was der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke im Berliner Fontane Haus über Blutspuren erzählt hat.

 

Wer schon mal Gelegenheit hatte, einen Vortrag des Kriminalbiologen und Spezialisten für forensische Entomologie Dr. Mark Benecke zu besuchen, weiß: Langweilig wird‘s bestimmt nicht.

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Mark Benecke/ Rocksau Pictures

Denn der international tätige forensische Experte und vereidigte Sachverständige für biologische Spuren ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Autor zahlreicher Buchpublikationen vom Sachbuch bis zum Kriminalroman. Der Mann kann also erzählen – und er hat auch was zu erzählen. Schließlich gilt der 56-Jährige nicht nur als bekanntester Kriminalbiologe der Welt, er dürfte auch so ziemlich alles an Grausamkeiten gesehen haben, was der Mensch zu tun imstande ist.

„Blutspuren sind aus sich heraus sehr sachlich.“

„Menschen sind nicht vernünftig, Menschen machen alles“, sagt Benecke, „alles, was man zwischen Abknallen und Vergewaltigen – auch von Kindern – machen kann, das tun Menschen. Wirklich alles.“ Speziell Berufsverbrecher*innen seien „zu 60 bis 80% antisozial und persönlichkeitsgestört“, so Benecke. „Was andere Menschen wollen, denken oder fühlen, interessiert sie nullkommanull.“ Über seine Erfahrungen und Erkenntnisse spricht der Kölner, der nebenberuflich u.a. internationaler Präsident der Transylvanian Society of Dracula ist, regelmäßig in öffentlichen Vorträgen, wie neulich im Berliner Fontane Haus zum Thema „Blutspuren“.

Während Blutspuren auf die meisten Menschen (und wahrscheinlich selbst auf Krimiautorinnen) in der Realität eine eher beunruhigende Wirkung haben dürften, sind sie für Mark Benecke vor allem eines: Zeuginnen, die sich niemals irren, nichts verschleiern und garantiert nicht lügen. „Blutspuren sind aus sich heraus sehr sachlich“, sagt Benecke. Man muss sie nur lesen können – wofür man möglichst unvoreingenommen und gefühlsneutral an sie herangehen sollte. „Ich denke und glaube nicht, ich meine, hoffe oder wünsche nicht, ich messe“, sagt Benecke. „Meine Aufgabe ist es, die messbare Wahrheit aufzudecken.“

„Spusi sagt man nur im Kino“

Wenn er zur Analyse biologischer Spuren („Man nennt das Spurenkunde oder Kriminaltechnik, ‚Spusi‘ heißt es nur im Kino“) an einen Tatort gerufen wird, betrachtet er zunächst die Blutspur und stellt Fragen: Welche Form und Beschaffenheit hat sie? Meistens besteht sie, wie Benecke es beschreibt, aus „einem Körper und einem Schweif, so dass sie aussieht wie eine Kaulquappe“. Die Ausrichtung des Schweifs gibt Auskunft über die Richtung, aus der das Blut geflossen ist – und damit über die Position des Opfers während der Tat. Nächste Frage: Ist das Blut getropft oder gespritzt? „Wenn die Spur rund ist, ist das Blut getropft“, sagt Benecke. In dem Fall bilden sich am Rand der Blutspur oft „Finger und Nasen“, deren Form und Ausmaß Anhaltspunkte über die Höhe, aus der das Blut getropft ist, liefern. Verlaufen Spuren am Boden linienartig, ist davon auszugehen, dass das Opfer „blutend am Boden lag und noch einen Tritt gegen den Kopf bekommen hat“. In dem Fall ist schon bei der Spurensichtung klar, dass man es mit vorsätzlicher Tötung zu tun hat, denn „Treten gegen den Kopf ist klarer Vorsatz“.

Großer Schnitt, kleine Wirkung

Ein eher „kleiner Schnitt in eine dicke Ader hat einen blutigen Sprühnebel zur Folge, ein größerer Schnitt einen dicken Strahl“. Aber: Nicht jeder gewalttätige Angriff mit Todesfolge zieht ein Blutbad nach sich. Selbst bei großen, tiefen Schnitten ist es nicht zwangsläufig so, dass „das Blut in einer Fontäne herausspritzt“, sagt Benecke, denn „Adern haben die Neigung, sich zusammenzurollen, so dass der Blutfluss gehemmt wird“. Selbst wenn der „Hals bis zur Wirbelsäule durchtrennt wird“, kann es sein, dass „das Blut nur langsam ausläuft“, während das Opfer schnell einen Herzstillstand erleidet oder an seinem Blut ertrinkt. Ist das Blut besonders flüssig, kann es an Blutverdünnern liegen, die das Opfer genommen hat; gerade bei älteren Personen ist das sehr oft der Fall. Besonders flüssig ist auch das zuletzt ausgetretene Leichenblut.

Übrigens erschreckt all das Blut nicht nur die Opfer selbst, sondern oft auch die Täter*innen – und zwar so sehr, dass sie „ihre Tat abbrechen, weil ihnen schlecht wird“ von all dem Blut, manchmal sogar vom eigenen. Denn dass der Täter oder die Täterin, wenn er oder sie mit dem Messer in einen Körper sticht, auf den Widerstand von Knochen stößt, abrutscht und sich selbst einen tiefen Schnitt zufügt, ist laut Benecke ein Klassiker; daher „muss man genau untersuchen, ob alle Blutspuren tatsächlich vom Opfer stammen“. Wenn nicht: umso besser, dann hat der Täter oder die Täterin praktischerweise seine oder ihre Visitenkarte hinterlassen. Vor allem aber muss, so Benecke, untersucht werden, ob die Todesursache nicht vielleicht doch eine ganz andere ist, als die Blutspuren auf den ersten Blick glauben machen: „Ich kann viele Messerstiche haben – und trotzdem vorher vergiftet worden sein.“

 

Beitragsbilder: Mark Benecke/ Oetinger Experimente und Mark Benecke/ Rocksau Pictures

Über die Autorin

Der Bericht wurde von unserem Redaktionsmitglied Annette Gilles geschrieben. Sie hat schon mehrere Kurzkrimis veröffentlicht und ihren ersten Kriminalroman vollendet.