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Nachruf auf Sabine Deitmer

von Almuth Heuner


Wir sprachen über – Bücher, was sonst. Es war Anfang Dezember letzten Jahres, und vor dem Café tobte der Dortmunder Weihnachtsmarkt. Sabine machte mich auf einige französische Autorinnen aufmerksam, die ich bislang nicht gekannt hatte; zur Abwechslung mal keine Krimis, dafür Literarisches und auch Dystopisches.

Das Lesen bedeutete Sabine Deitmer schon immer viel, und seit der Kindheit galt ihre besondere Aufmerksamkeit dem Krimi. Von den „Fünf Freunden“ und „Jerry Cotton“ war es für sie nur ein kurzer Schritt, ihre Magisterarbeit über die Rezeption von Kriminalliteratur am Beispiel von Agatha Christie zu schreiben. Nach dem Studium erkundete sie Großbritannien und Frankreich, bevor sie in Dortmund landete – und auch wieder beim Krimi, denn Anfang der 1980er entstanden innerhalb einer Autorinnengruppe Sabines erste Mordgeschichten. Das Thema „Frauen und Gewalt“ interessierte sie in all seinen Facetten, und ihren feministischen Standpunkt vertrat sie dabei klar und leidenschaftlich. Als 1988 ihr erster Krimistoryband „Bye-bye, Bruno“ erschien, in dem ganz normale Frauen ganz normale Männer aus ganz normalen Gründen ermorden, traf er auf eine Gemengelage aus neuerer Frauenbewegung und ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Reaktionen darauf. Zwar hatten auch die deutschen Verlage bereits entdeckt, dass sich mit „Frauenkrimis“ gut verdienen lässt, aber sie wurden immer noch als Nischenprodukte vermarktet, mit der Kommissarin als starker Ausnahmefigur. Und dass plötzlich auch eben diese ganz normalen Frauen zu Gewalt griffen, um ihre unerträglichen Lebenssituationen zu verbessern, stieß nicht bei allen Leserinnen oder gar Lesern auf uneingeschränkte Begeisterung. Mit großer Lust an der treffsicheren Beobachtung und spitzer Zunge stürzte sich Sabine dann gleich auch in Romane: Ab 1993 ermittelte ihre Kommissarin Beate Stein.

Wie Sabine erfreut feststellen konnte, war sie keineswegs die einzige deutschsprachige Krimiautorin. Beinahe zeitgleich mit ihr traten Pieke Biermann, Doris Gercke und Christine Grän auf den Plan, die in ihren Krimis nicht nur komplexe Heldinnen agieren ließen, sondern auch mit zahlreichen und scharfsichtig dargestellten weiblichen Figuren belebten. Dabei war ihrer aller Blick nicht nur feministisch, sondern richtete sich auch auf soziale (Un-)Gerechtigkeit. Besonders Sabine hatte auch ein hinterhältiges Vergnügen daran, ihre Geschichten mit tiefschwarzem Humor auszustatten. Dass sie „manche Kollegin zum lustvollen Männermord verführt“ hat, verbuchte sie ebenfalls als Erfolg.

Die Schublade jedoch war nie ein Aufenthaltsort für Sabine Deitmer, dagegen verwahrte sie sich stets. Das Etikett „Frauenkrimi“ wollte sie weder für sich noch für die Kolleginnen. Solidarität jedoch war ihr wichtig, weswegen sie 1996 zu den ersten Mitgliedern der deutschsprachigen Sisters in Crime, heute Mörderische Schwestern e. V., gehörte und ihnen treu blieb. 2008 feierten wir gemeinsam das zwanzigjährige Jubiläum von „Bruno“ mit zwei Ladies‘ Crime Nights in Essen und Dortmund. Im selben Jahr zeichnete das SYNDIKAT sie mit dem Ehren-Glauser aus für ihre Verdienste um den deutschsprachigen Krimi. Ich wiederum hatte die Ehre, ihre Laudatio halten zu dürfen. Darin konnte ich endlich einmal sagen, was in meinen Augen ihr größtes Verdienst war: Sabine war eine Mutmacherin – die uns allen den Mut machte, unsere Wege eigensinnig zu gehen.

Als wir uns jetzt im Dezember nach dem Kaffee trennten, wollte Sabine noch zum Fischhändler. Das Eis, das wir gemeinsam essen wollten, sobald das Wetter es wieder erlaubte, draußen zu sitzen, werde ich wohl nun allein – aber auf ihr Wohl essen und mich freuen, dass ich sie gekannt habe: Sabine Deitmer.