von Gudrun Bendel
Mein letzter Beitrag für die Webredaktion nach über sechs wunderbaren Jahren sollte etwas Besonderes werden, und manchmal gehen Wünsche in Erfüllung: Ein Interview mit Anja Marschall!
Lest selbst, lasst euch zutiefst berühren und bestärken.
Am Rande einer Arbeitsgruppe fragte ich Anja Marschall, was sie über die Stärken der Mörderischen Schwestern denkt. Ihre Antworten waren so beeindruckend, dass ich sie um ein Interview für die Webredaktion und unseren Krimiticker bat.
Liebe Anja, herzlichen Dank für das Interview. Gudrun Bendel
Was hat dich ursprünglich dazu bewogen, dich bei den Mörderischen Schwestern zu engagieren?
Damals hatte ich noch keine Zeile geschrieben, aber eine Idee. Genauer gesagt, hatte ich eine Wette am Laufen, weil ich mich mega über eine sehr erfolgreiche, aber grauenvoll schlecht recherchierte Krimireihe aufgeregt hatte. Ich war also im Zugzwang zu beweisen, dass ich es besser kann. Darum kam ich zu den Mörderischen Schwestern.
Ich wollte lernen, wie „man es macht“. Daraus wurde mehr und mehr. Heute habe ich über 20 Krimis und Romane geschrieben. Alles dank der Schwestern.
Erinnerst du dich an einen Moment, in dem dir klar wurde: Dieser Verband ist mir wirklich wichtig?
Ja, ich hatte vor einigen Jahren einen sehr schweren Autounfall. Die Reaktionen der Schwestern waren umwerfend! Täglich bekam ich Post, Blumen wurden ins Krankenhaus geliefert und Geschenke. Am Empfang fragte man mich, ob ich berühmt sei – weit gefehlt. Später dann, bei unserem Jahrestreffen in Wolfenbüttel, trat ich mit Gehhilfe auf die Bühne, brüllte „alt ist das neue lustig“ (völliger Quatsch), hielt meinen Stock in die Luft und bekam standing ovations. Die Liebe und das Mitgefühl von allen machte mir Mut und half mir, trotz schlechter Prognosen, nicht zu verzweifeln.
Was bedeutet Gemeinschaft für dich als Schriftstellerin – gerade in einem oft sehr individuellen Beruf?
Dank der Schwestern weiß ich, ich bin ich nie allein. Gerade nicht beim Schreiben! Wenn ich mit meinen Figuren hadere oder mein Verlag mich nervt, der Stress zu groß ist oder der Termindruck, dann rufe ich eine Schwester an. Niemand versteht mich so gut wie die Schwestern, denn wir ticken alle gleich.
Von 2013 – 2018 warst Du Vizepräsidentin der Mörderischen Schwestern, wie hast du diese Zeit erlebt, was hat dich besonders geprägt? Gab es Entscheidungen oder Projekte, auf die du heute besonders stolz bist?
Das Erlebnis, Vizepräsidentin zu sein, war mit Geld nicht zu bezahlen. Ich habe Managementerfahrungen machen dürfen, die andere erst nach Jahren im Job lernen. Ich habe intensiv mit Gleichgesinnten daran gearbeitet, dass der Verband vorankommt, Strukturen durchschaut, Zusammenhänge begriffen, Finanzen geprüft, Entscheidungen gefällt. In unsere Zeit fiel der Beschluss, Selfpublisher in den Verein aufzunehmen.
Das Gefühl, gestalten zu dürfen, hatte etwas Berauschendes. Und bei der Gelegenheit lernte ich viel über mich selbst.
Welche Stärken siehst du im Verein der Mörderischen Schwestern, sowohl strukturell als auch menschlich?
Ich sehe unsere Stärke in der flächendeckenden regionalen Präsenz. Wir sind immer ganz in der Nähe all jener, die zu den Schwestern gehören und Krimis schreiben. Wer bei uns mitmacht, mal vorbeischaut, Kontakte knüpft, interessante Leute kennenlernt usw., der hat Freundinnen vor Ort, die das Schreiben verstehen. Leute, die wissen, wie es ist, wenn man prokrastiniert oder im Rausch (des Schreibens) ist. Frauen, die das ernst nehmen und nicht als albern abtun. Die Regios sind unsere große strukturelle Stärke und jede einzelne Schwester ist unsere menschliche Stärke!
Warum, glaubst du, sind die Mörderischen Schwestern wichtig? Wir sind ja nicht nur für Krimiautorinnen da, sondern auch für Krimilesende, Bloggerinnen, Self-Publisher und Buchhändlerinnen.
Wir sind nicht wichtig. Sorry! Die Welt würde sich auch ohne uns drehen. Aber: Wenn Frauen Krimis schreiben, tun sie dies anders als Männer. Die Sichtweise und die Themen sind unter Umständen andere. Eine Krimiwelt ohne uns Frauen wäre langweilig. Und darum sind die Mörderischen Schwestern heute mindestens ebenso wichtig, wie zu ihrer Gründung, als noch die 68er Bewegung ihre Duftmarke setzte.
Von außen gesehen, sind wir vielleicht nicht auf einen Blick zu fassen. Was glaubst du, spürt man erst, wenn man eine Mörderische Schwester ist?
Wer zu uns kommt, spürt Gemeinschaft. Wenn sich ein „Neuling“ erst einmal beim Jahrestreffen umgesehen hat, kommt man von diesem Gefühl nicht mehr los. Wildfremde Frauen kümmern sich plötzlich um einen. Jede “Neue” darf Fragen über Fragen stellen und bekommt alles ausführlich beantwortet. Fortbildungen, Weinabende, Ladies Crime Nights und vieles andere mehr. Da entstehen Freundschaften fürs Leben.
Ich weiß, wovon ich rede! Fast alle meine langjährigen Freundinnen sind Schwestern.
Wie gelingt es dir, dieses Engagement mit deinem eigenen Schreiben zu verbinden? Was wünschst du dir für die Zukunft der Mörderischen Schwestern?
Ich bin mittlerweile eine alte Häsin. Ich lebe vom Schreiben. Und ich kann ohne das Schreiben nicht mehr sein. Das verdanke ich den Schwestern. Ich wünsche mir, genau dieses Gefühl, ES zu brauchen, auch den neuen Schwestern zu vermitteln. Außerdem liegt es mir am Herzen, dass die Mörderischen Schwestern als Verband noch leben, wenn ich es längst nicht mehr tue.
Ich engagiere mich bei den Schwestern, obwohl mir eigentlich die Zeit fehlt. Aber ich kann nicht anders. Könntet ihr eure Kinder vor die Tür setzen, nur weil sie manchmal nerven? Seht ihr: So geht es mir mit den Schwestern. Ich will, dass der Verband gedeiht. Auch, wenn es anstrengende Momente gibt. Das vergeht. Es ist wie bei den Kindern: Sie sind es wert.
Wenn du die Mörderischen Schwestern in einem Satz beschreiben müsstest, welcher wäre das?
Alles, was du für die Schwestern tust, kommt dreifach zu dir zurück.
Beitragsbild (Ausschnitt): Frauke Ibs