Mörderische Schwestern Kaja Neff empfiehlt ...
Nachtfahrt von Annika Strauss
Ich schicke dem Roman mal eine Triggerwarnung vorweg: Nachtfahrt ist nichts für zarte Gemüter. Immer wieder hat man das Gefühl, hier kommt keiner lebend raus – die Story wird mit einem Totalschaden enden. Und falls doch einer überlebt, wer wird es sein?
Katharina Holten kehrt nach dem Unfalltod ihres Vaters zurück in die schwäbische Kleinstadt, um nach ihrer Nichte Ronja zu sehen. Denn Ronja ist Vollwaise und Katharina, genannt Katha, ist ihre einzige noch lebende Verwandte.
Die Leser haben einen Wissensvorsprung vor den beiden Protagonistinnen. Sie haben schon miterlebt, dass der Tod des Vaters und Großvaters kein Unfall war. Der Betreiber einer Fahrschule wurde von einem SUV auf einer gefährlichen Strecke in die Enge getrieben und so gerammt, dass er zwangsläufig abstürzen musste. Wer immer der Fahrer oder die Fahrerin war, hat das mit voller Absicht getan.
Das Wiedersehen von Tante und Nichte erweist sich als schwierig, denn die 13-jährige Ronja wirft ihrer gerade mal elf Jahre älteren Tante vor, dass sie ihr in der schlimmen Zeit nach dem Tod ihrer Eltern keine Hilfe war. Das stimmt, doch Katha hatte ihre Gründe. Im Roman wird immer wieder angedeutet, dass sie vor drei Jahren ihren Job als Fahrlehrerin urplötzlich aufgegeben hat. Nach einer traumatischen Nachtfahrt, die noch eine Rolle spielen wird.
Bis sich das Rätsel klärt, vergeht eine Weile, denn Katha ist nicht in der Lage über die Ereignisse von damals zu reden. Sie hat auch kaum Zeit zum Reden, denn gemütliche oder versöhnliche Stunden erleben die beiden Protagonistinnen so gut wie nie. Der Thriller ist selbst geschrieben wie eine Nachtfahrt, bei der die Autorin ordentlich aufs Tempo drückt.
Es geht zackig los: Katha findet heraus, dass jemand die Fahrschule bewusst torpediert. Der Vater ist nicht das einzige Opfer, auch seine Mitarbeiter werden in Unfälle verwickelt bzw. vor der Schule verprügelt. Schließlich wird Ronja von einem Verrückten entführt, der von Katha kein Geld haben will, sondern die sogenannte Wahrheit. Was immer das heißen mag. Und tatsächlich wird er sie zwingen, sich einem Geheimnis zu nähern, das sich als sehr belastend für ihre Familie erweisen wird.
Es ist fast unmöglich, die Handlung wiederzugeben, ohne zu spoilern. Das Tempo, in dem sich die Ereignisse häufen, ist rasant. Man kommt kaum zum Luftholen. Aber so viel sei verraten: Der Täter ist nicht nur auf der Suche nach der Wahrheit (die er schon kennt, und mit der er Katha konfrontieren will). Er hat neben Ronja auch zwei Frauen entführt, mit denen er einen skurrilen Plan verfolgt. Sein Vorhaben wirkt etwas überzogen, aber es passt zu der harten, manchmal brutalen Erzählhaltung des Romans.
Okay, ein bisschen etwas muss ich verraten. Wenn Katha und Ronja in einer aufregenden Nachtfahrt vor dem Täter fliehen, erreicht die Geschichte ihren erzählerischen Höhepunkt. Diese Autofahrt ist so verrückt, kraftvoll und spannend wie ein Film von Quentin Tarantino. Sie reißt dich mit, egal wie du ansonsten zu der Auflösung der Handlung stehst.
Der Thriller von Annika Strauss liest sich wie ein Wettrennen auf der Autobahn ohne Airbag und Sicherheitsgurte: Gewagt, temporeich und eine Gefahr folgt zielsicher auf die andere. Ruhige Minuten erweisen sich als trügerisch. Die Sätze und Eindrücke fliegen vorbei wie nächtliche Landschaften. Es ist nicht einfach, sich an den Figuren festzuhalten, denn sie sind missmutig und schwierig. Und fast alle haben dunkle Geheimnisse und markante Fehler. Zum Ausgleich gibt es die ehrliche, wachsende Zuneigung zwischen Ronja und Katha. Der sperrige, übellaunige Teenie wandelt sich immer mehr zu einem tapferen Mädchen, das mit seiner Tante ein „starkes Team“ bildet. Wo manche Romane nur behaupten, Frauen können alles, zeigt Annika Strauss, was damit gemeint ist.
„Nachtfahrt“ bietet atemlose Spannung. Ich hatte den Roman ratzfatz gelesen, denn aussteigen ist keine Option.
Zur Autorin: Annika Strauss hat in Tübingen allgemeine Rhetorik und Germanistik studiert und besitzt ein Händchen für das Unheimliche. Als Schauspielerin hat sie an zahlreichen Projekten mitgewirkt, die sich dem Horror-Genre widmeten. Auch ihr zweiter Roman REM, den sie zusammen mit Sebastian Fitzek geschrieben hat, feiert das Grauen und stürmt damit die Bestseller-Listen. Doch außerhalb von Kunst und Fiktion ist Annika Strauss kein Fan der „dunklen Seite“. Sie nennt sich selbst „eher vorsichtig“ und liebt es, als Redakteurin für den SWR über die Schönheit ihrer süddeutschen Heimat zu berichten. Annika Strauss‘ Webseite.
Cover-Abbildung mit freundlicher Genehmigung von atb
Der Krimitipp wurde von Kaja Neff verfasst. Sie ist Mitglied der Krimiticker-Redaktion und hat im Dezember ihren zweiten Thriller „Rotkäppchen ist der Wolf“ herausgebracht hat. Der Artikel wurde von Sabine Griebel editiert.
Annika Strauss: „Nachtfahrt“
Erscheinungsdatum. 17.12.24
387 Seiten
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 9783746641621