Anna Schneider

Haftbefehl – eine etwas andere Lesung

Weiße Fliesen an den Wänden und an der Decke, der Boden ist grau gefliest. Die Gravuren, die Menschen vor uns auf die Sitzflächen der rundherum in die Wände eingelassenen Holzbänke geritzt haben, sind nicht mehr zu entziffern. Am Boden liegen drei flache graue Schaumstoffmatten – für diejenigen, die auf den harten Bänken keinen Platz mehr gefunden haben. Durch drei kleine milchige Sprossenfenster in über zwei Metern Höhe, deren Außenseiten mit Gittern versehen sind, scheint ein wenig Tageslicht.

Das verhaltene Raunen, das in dem kahlen Raum zu hören ist, verstummt. »Sie befinden sich in demselben Haftraum, in dem wir erst vor ein paar Wochen 50 der 150 vor einem Fußballspiel in der Allianz Arena festgenommenen Rowdys festgesetzt haben«, informiert uns ein Kriminaloberkommissar.

Im Jahr 1914 hat die Polizei München das Revier in der Ettstraße 2–4, mitten in der Innenstadt, bezogen.

»Die Haftanstalt diente damals zur Inhaftierung von Landstreichern und Kleinkriminellen«, erzählt der Kommissar weiter. Heute befänden sich hier »Personen, denen kurzfristig die Freiheit entzogen wird«. Die Verweildauer in der Ettstraße betrage maximal 48 Stunden, außer es sei ein Feiertag dazwischen. »Drei vegetarische Mahlzeiten pro Tag, medizinische Versorgung per Telemedizin, kein Handy, kein Fernsehen, keine Zigaretten.«

»Und was ist mit Kiffen?«

»Ja, aber nur, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt«, antwortet der Kommissar.

Gespannt warten rund 30 Mitinsass*innen und ich am 13.05.2026 auf den Holzbänken und den Matratzen am Boden auf das, was uns erwartet. Denn wir alle sitzen freiwillig in diesem trostlosen weißen Raum und wir dürfen beziehungsweise müssen ihn in einer Stunde wieder verlassen. Der Grund für unser Dasein ist die SPIEGEL-Bestseller-Autorin Anna Schneider, die im Rahmen des Krimifestivals München eine Lesung ihres neuen Krimis Ihr Grab in den Fluten.

Auch wenn die Handlung der Romane dieser Serie nicht in München, sondern im bayerisch/österreichischen Grenzland spielt, so sorgt das Ambiente bei dieser Lesung bereits für Spannung, bevor die Autorin das erste Wort ihres Romans gelesen hat. Und am Ende der Veranstaltung verraten mir Anna Schneider und die Veranstalterin Sabine Thomas noch ein Geheimnis: Sie sind beide ehemalige Mörderische Schwestern.

Nachdem sich die Tür des Polizeipräsidiums hinter mir wieder geschlossen hat und die Stadt mich wieder hat, kommt mir ein Gedanke:

Warum nicht mal eine Lesung in dem Forsthaus, dessen Förster in eurem Roman vermisst wird, oder in einem Zelt im Wald, in dem eure Kommissarin die gefundene Leiche begutachtet hat?

Oder eine Lesung in dem Lokal am Rande eines Sees, aus dem eine Wasserleiche aufgetaucht ist? Oder auf einem Schrottplatz, auf dem ein Auto steht, aus dessen Kofferraum Verwesungsgeruch steigt?

Oder ihr lest an einem der sogenannten Lost Places, wie es sie in vielen Städten gibt, oder in einer passenden städtischen Location wie das Polizeipräsidium?

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und Fragen kostet nichts.


Anna Schneider, bekannt für ihre Grenzfall-Krimiserie, ist eine erfolgreiche Krimiautorin, die schon immer gern hinter die Fassade von Menschen geblickt hat. Sie lebt mit ihrer Familie in Nordholland und in der Nähe von München.

Diesen Artikel verfasste unsere Mörderische Schwester Beate Wöhe. Die geborene Münchnerin schreibt unter dem Pseudonym Tabea Mind Kriminalromane, die in der bayerischen Landeshauptstadt verwurzelt sind.

Unsere Redaktionsmitglieder Sandra Gehde (https://mariebonstein.de/) und Katja Szimmat (Lektorin, https://www.instagram.com/dauerleserin/ und https://dauerlektorin.de/) haben den Artikel redaktionell bearbeitet.

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(Foto mit freundlicher Genehmigung der Autorin)