Turid_Mueller

Drei Fragen an … Turid Müller

Turid Müller ist Diplom-Psychologin, Schauspielerin und Autorin – eine Frau, die sich beruflich zwischen Bühne und Couch bewegt und dabei keine Scheu vor unbequemen Themen hat. Ihr Sachbuch „Verdeckter Narzissmus in Beziehungen“ machte sie zur gefragten Expertin für toxische Partnerschaften. Mit ihrem Krimidebüt „Im Schatten der Insel“, das auf der Shortlist des GLAUSER-Preises 2025 in der Kategorie Debütroman stand, bewies sie, dass sie auch erzählerisch auf Hochspannung schalten kann. Nun erscheint am 2. April 2026 bei Piper ihr zweiter Roman: „Unter dem Strand“ – ein Ostsee-Krimi, der die Cap-Arcona-Katastrophe vom Mai 1945 ins Zentrum einer Kriminalgeschichte rückt und dabei den Bogen von ungesühnter Schuld bis in die Gegenwart spannt.
Sie stand Sabine Griebel aus der Webseiten-Redaktion Rede und Antwort.

Dein Debüt „Im Schatten der Insel“ verband eine Demenzgeschichte mit dem dunklen Kapitel der Kinderverschickung – und landete damit auf der GLAUSER-Shortlist. In „Unter dem Strand“ gehst du zeitlich noch weiter zurück: Die Cap-Arcona-Katastrophe vom Mai 1945, bei der Tausende KZ-Häftlinge in der Lübecker Bucht ums Leben kamen, bildet das Rückgrat deines neuen Romans. Was hat dich dazu bewogen, dich an diesen historischen Stoff zu wagen – und gab es Momente in der Recherche, die dich an deine Grenzen gebracht haben?

Auf die Frage, wie ich zu diesem Thema gekommen bin, gibt es gleich mehrere Antworten: 

Die Lübecker Bucht ist meine Heimat. Überall erinnern Denkmäler an die Tragödie, die sich dort ereignet hat. Ich war bei einem meiner Strandspaziergänge auf der Suche nach der Geschichte, die dieser Ort erzählen möchte. Und mir wurde klar: Diese Geschichte ist allgegenwärtig – und gleichzeitig recht unbekannt. Erst habe ich mich nicht getraut: So ein unermessliches Grauen, so viele Tote! Kann ich das erzählen? Doch die Geschehnisse, die mit diesem Ort verwoben sind, haben mich nicht mehr losgelassen. Und ich hoffe, mit einem Kriminalroman viele Menschen dafür sensibilisieren zu können. Mehr jedenfalls, als man mit einem Sachbuch erreichen würde.

Ein Teil des Romans spielt im KZ Neuengamme bei Hamburg-Bergedorf. Meine Familie kommt aus der Ecke. Sie haben die Züge mit den ausgemergelten Gestalten gesehen. Eine der Kriegserinnerungen, die bis heute überdauert hat und weitergegeben wird. Und mit ihr auch – das ist wohl mein stärkster Antrieb – eine Verantwortung. Die Verantwortung, dem Versprechen „Nie wieder!“ die Treue zu halten. Gerade in diesen Tagen. Deshalb geht es in der Reihe, zu der dieser Band den Auftakt bildet, jeweils vor dem Hintergrund historischer Ereignisse um den aktuellen Rechtsruck.

Natürlich war es manchmal hart, während der Recherche monatelang in Betroffenenberichten von Folter und grausamen Morden zu lesen. Allerdings schimmert auch ein bisschen Hoffnung hindurch. Hoffnung auf die Fähigkeit der Menschen, auch unter unmöglichen Umständen noch Mensch zu bleiben. Das ist die Geschichte, die ich erzählen möchte.

Deine Protagonistin Cay wird als gescheiterte Autorin mit einem Leben voller Brüche beschrieben, die sich als Journalistin durchschlägt. Als Psychologin kennst du die Mechanismen, die Menschen antreiben, und als Schauspielerin die Kunst, in fremde Rollen zu schlüpfen. Wie viel von deinem psychologischen Blick steckt in der Figurenzeichnung – und erlaubst du deinen Figuren auch Seiten, die dir selbst fremd sind?
 
Cay ist die beste Antwort auf diese Frage. Sie bildet das Gegenstück zu Lale, der Hauptfigur meines Amrum-Krimis, die als Psychologin natürlich einige Züge von mir geerbt hat – etwa ihre Überreflektiertheit und ihren unerschütterlichen Humor. So viel sei verraten. Die neue Reihe sollte sich davon klar abheben. Also habe ich Cay erschaffen.

Bei Cay hilft mir mein Wissen darüber, wie harte Lebensumstände uns prägen und wie der Weg, Mensch zu bleiben, oft über Umwege führt. Genau das macht sie zur idealen Erzählerin dieser Geschichte. Sie hat selbst genug erlebt, um glaubwürdig in die Abgründe unserer Geschichte zu blicken.


In deinem Sachbuch schreibst du über verdeckten Narzissmus, über Menschen, die hinter einer unscheinbaren Fassade manipulieren. Deine Krimis handeln von ungesühnter Schuld, von Verantwortung und von Strukturen, die Täter schützen. Siehst du eine Verbindung zwischen deiner psychologischen Arbeit und deinem Krimischreiben – und kann Fiktion manchmal mehr bewirken als ein Ratgeber?

Ich könnte jetzt von Diktatoren sprechen, deren narzisstische Größenfantasien ganze Nationen ins Leid stürzen – ein Thema, das gerade wieder erschreckend aktuell ist. Doch der eigentliche Zusammenhang liegt für mich in der Weitergabe kollektiver Traumata über Generationen hinweg. Als Psychologin und Autorin frage ich mich, wie wir mit den Wunden der Vergangenheit umgehen. Brechen sie uns? Zwingen sie uns, unser Schicksal zu wiederholen? Oder lernen wir von ihnen, wachsen wir daran? Das liegt in unserer Hand. Der erste Schritt ist, hinzusehen. Genau dazu möchte ich mit meinen Büchern anregen. 

Mehr über Turid Müller auf ihrer Website: turid-mueller.de

Die Fragen stellte Sabine Griebel. 

Beitragsfoto: privat

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Unter dem Strand

Piper Verlag
Erschienen am: 02.04.2026
ISBN: 978-3946505389