Du lebst seit über drei Jahrzehnten in Japan und schreibst Krimis, die tief in die japanische Gesellschaft eintauchen – wie gelingt dir der Spagat zwischen kultureller Nähe und literarischer Distanz?
Jaja, Spagat. Da fühle ich mich so richtig verstanden 😊 Interkulturelle Erkenntnisse sind natürlich nichts, auf das man grundsätzlich sofort aufmerksam wird. Auch in meinem Fall hat es Jahre gedauert, bis ich den Japanern „auf die Schliche gekommen“ bin. Mit der Zeit bin ich dann sozusagen bikulturell geworden. Damit meine ich, dass ich beide Kulturen verinnerlicht habe und merke, wenn Menschen aus anderen Ländern die japanische Seite nicht verstehen. Manchmal greife ich vermittelnd ein, doch das ist sehr schwierig, da beide Seiten ja ein festes kulturelles Schema vor Augen haben.
Und dann kam der Tag der Erkenntnis, dass derartige kulturelle Unterschiede doch eigentlich prädestiniert sind, um sie belletristisch einem deutsch lesenden Publikum zu vermitteln. Ich träume natürlich davon, dass meine Werke eines Tages auch in anderssprachigen Übersetzungen, auch der japanischen, vorliegen. Aber Stand heute ist es erst einmal nur ein Traum. Zurzeit liefert mir die Motivation weiterzumachen, die Tatsache, dass meine japanische Umgebung mir signalisiert, dass sie verstanden haben, dass ich sie verstehe.
In Die Stalkerin – ein Japan-Thriller treffen menschliche Obsession und japanische Zurückhaltung aufeinander – was reizt dich an Figuren, die zwischen Kontrolle und Kontrollverlust
Dadurch entstehen aus meiner Sicht Spannungselemente, die die Lesenden durchgehend an das Romangeschehen fesseln. Die Lesenden werden hin- und hergerissen und wollen wissen, wie sich die Figuren und die Handlung entwickeln. Gerade die japanische Zurückhaltung ist es, die auch im realen Leben viele „westliche“ Ausländer manchmal geradezu in Rage versetzt. Nicht nur in der Jetzt-Zeit, derartige Reaktionen sind schon von den ersten Ausländern in Japan nach der Öffnung des Landes 1868 dokumentiert. Hinzu kommt natürlich der Fakt, dass der Protagonist unterschwellig noch Gefühle für seine Ex hegt, die er sich nicht eingestehen will.
Deine Romane sind visuell und atmosphärisch dicht – denkst du beim Schreiben manchmal wie eine Regisseurin, oder ist die literarische Bühne für dich ein ganz eigener Raum?
Das ist eine interessante Frage. Es hat bei Die Stalkerin – ein Japan-Thriller in der Tat Passagen gegeben, da habe ich mich dabei ertappt, dass ich schreibe, als säße ich an einem Theaterstück. Ein solches zu schreiben, war aber nicht meine Absicht. Erst wollte ich diese Stellen so stehen lassen, habe mich dann jedoch umentschieden, weil ich dachte, das könnte die Leserschaft irritieren. Insofern kann man schon sagen, dass ich die literarische Bühne als eigenen Raum betrachte. Und diesen Raum versuche ich stets den Lesenden nahezubringen. Wenn sie sich in die Figuren hineinversetzen und mit ihnen mitfühlen, habe ich mein Ziel erreicht.
Die Fragen stellte Sabine Griebel
Beitragsfoto: privat
Die Stalkerin
Ein Japan-Krimi der besonderen Art: Drei Sichtweisen, ein psychologisch vielschichtiger Krimi, beleuchtet Opfer, Täterin und Ermittlerin gleichermaßen
Die Stalkerin – ein Japan-Thriller
Verlag BoD
ISBN: 978376939317
erschienen Februar 2025