Karin Ernst lebt und schreibt in der Uckermark – dort spielen auch ihre Krimis um die Kommissarin Lena Voßberg.
Du warst viele Jahre als Journalistin tätig – deine Protagonistin Anneke Lind ist es ebenfalls. Beide seid ihr darauf trainiert, genau hinzuschauen und hinter die Oberfläche zu blicken.
Wie viel von deinem journalistischen Blick steckt heute noch in dir, wenn du Krimis schreibst? Und gibt es Momente, in denen dein journalistisches Denken mit der Fiktion in Konflikt gerät?
Ich hoffe doch sehr, dass noch so einiges davon in mir steckt und sich möglichst noch schärft. Nur der Fokus ist eben ein anderer. Ging es früher vor allem um Fakten, so stehen heute vor allem der Charakter jedes Protagonisten und dessen eigene Stimme im Vordergrund. Denkt und handelt die Figur wie ein lebendes Wesen oder wie eine an Fäden gezogene Marionette? Oder anders ausgedrückt: Denkt und handelt er/sie eigenständig oder wie es der Autorin in den Kram passt? Nach wie vor ist der kritische Blick mein Lackmus-Test. Sind die Figuren „sauer“, ist die ganze Geschichte „sauer“. Und ja, Konflikte gibt’s da durchaus, und zwar immer dann, wenn die Fantasie ausufert und der kritische Blick hinterherhinkt.
Ob Journalistin Anneke Lind oder Kommissarin Lena Voßberg – deine Frauenfiguren sind stark, klug und zugleich verletzlich.
Was interessiert dich mehr beim Schreiben: der kriminalistische Verstand oder die innere Bewegung deiner Figuren, wenn sie die Kontrolle verlieren?
Gute Frage — vor allem hoffe ich, dass sie in kritischen Situationen ihren Verstand nutzen, um halbwegs schadlos wieder in normales Fahrwasser zu kommen. Und da haben wir ihn schon wieder, den eigenen Charakter: Aufgeben oder sich aus dem Sumpf ziehen und die Kontrolle wiedergewinnen? Oder – je nach Situation – andere retten oder untergehen lassen? Da sind innere Kämpfe natürlich das Salz in der Suppe. Hochspannend ist selbstverständlich auch, wie der Verstand damit klarkommt. Aber ohne innere Kämpfe wäre die ganze Geschichte fad, ist doch klar.
Zwischen ‚Mühlenfest‘ und ‚Tödliche Entwicklung‘ liegt nicht nur ein weiterer Fall, sondern auch eine Entwicklung deiner literarischen Stimme. Was hat sich für dich als Autorin verändert?
Na ja, man geht nicht mehr so unbedarft an ein neues Manuskript heran, frei nach dem Motto: Ich setz mich mal hin, dann klappt das schon. Ich sehe das alles ja deutlich vor mir. Ich muss es nur noch aufschreiben. Auch weiß ich jetzt besser, worauf ich achten muss, um mich beim Schreiben nicht in die falsche Richtung zu verzetteln, und was ich tun muss, wenn mir mal gar nichts einfällt. Vor allem habe ich endlich kapiert, dass die Löschtaste mein ungeliebter bester Freund ist. „Kill your darlings“ – was nicht passt, muss gnadenlos raus.
Die Fragen stellte Sabine Griebel.
Homepage: www.weibtisch.de
Beitragsfoto: privat
Tödliche Verwicklungen - Lenas zweiter Fall
BoD – independently published
TB, 338 Seiten, auch als E-Book erhältlich
Januar 2025
ISBN: 978-3759797759