Helene Baumann hat viele Jahre als Ärztin und Psychotherapeutin gearbeitet, hat zugehört, hinter die Fassaden geschaut und Geschichten gehört, die man sich kaum selbst ausdenken konnte. Irgendwann, so schreibt sie, war es Zeit, eigene zu erzählen. Heute schreibt sie Kriminalromane über das, was oft im Verborgenen bleibt: dunkle Geheimnisse, mutige Entscheidungen und die kleinen Abgründe mitten im Alltag. Sie interessieren weniger Verfolgungsjagden als die Frage, was Menschen dazu bringt, Grenzen zu überschreiten.
Ihr Stil ist klar, schnörkellos und mit einem leisen Augenzwinkern. Sie glaubt, die stärksten Geschichten passieren zwischen den Zeilen. Wenn sie nicht schreibt, liebt sie gutes Essen, Bücher, die nachklingen, und Orte, an denen sich Geschichten verstecken könnten.
Nach „Tödliche Täuschung“ hast du Anja Wesseling in „Tödliche See“ auf eine Kreuzfahrt geschickt. Du kennst dich aus mit Menschen auf Schiffen, denn du hast als Schiffsärztin gearbeitet. Verändern Menschen sich, wenn sie einem geschlossenen Raum (wie einem Schiff) ausgesetzt sind? Zumal, wenn unliebsame Überraschungen wie Stürme (oder Verbrechen) hinzukommen? Und wie hat die Begrenzung „Schiff“ dein Erzählen verändert?
Mich hat schon immer das Warum mehr interessiert als das Wer. Und nirgendwo kann ich dynamische Prozesse besser beobachten und darüber schreiben, als in sogenannten abgeschlossenen Settings. Im Stress lernst du die Leute so kennen, wie sie wirklich sind. Viele Erfahrungen, die ich als Schiffsärztin machen konnte, fließen in meine Geschichte ein. Ich fühlte mich beim Schreiben wieder in die beengten Verhältnisse versetzt, die eilige, manchmal hastige Kommunikation untereinander, die emotionalen Eruptionen wegen nichts: Gefühle köcheln fortwährend in der Crew.
Du schreibst einen Blog über Rechtsmedizin. Für dich ist die Forensik kein Krimi-Requisit, sondern ernstzunehmende Wissenschaft. Könntest du die exakte Wissenschaft auch mal der Spannung opfern, wenn die Wahrheit nicht so aufregend ist, wie sich Krimiautoren das wünschen?
Klare Antwort: Nein. Als Jugendliche habe ich mit Begeisterung „Jahrhundert der Detektive“ von Jürgen Thorwald (1965) verschlungen, ein Sachbuch, das die Entwicklung der modernen Kriminalistik von den 1870er-Jahren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beleuchtet. Diese Thematik hat mich nie wieder ganz losgelassen: Erst muss das Wissenschaftliche stimmen, dann kommt der Plot. Ich erlebe Überraschungen anders: bei einer Figur gelang es mir nicht, den Charakter so zu gestalten, wie ich es ursprünglich vorhatte, die Figur entwickelte ein Eigenleben in eine Richtung, die ich gar nicht vorgesehen hatte. Auch gutes Zureden, intensive Gespräche mit dem inneren Team halfen nicht. Die Geschichte bekam schließlich einen ganz anderen Dreh. Damit kann ich leben, Figuren sind ja auch nur Menschen. Aber wenn Details einer Recherche nicht stimmen oder passen, dann ändere ich lieber die ganze Geschichte. Oder schreibe sie nicht.
Mehr über Helene Baumann auf ihrer Website: Webseite Helene Baumann
Die Fragen stellte Kaja Neff.
Beitragsfoto: privat
Tödliche See - Anja Wesseling ermittelt
Verlag: Selfpublishing
ISBN: 9783819479977
ET: 27.02.2026