Gretel Mayer, geboren 1949 in München, war als Fremdsprachensekretärin, Übersetzerin und jahrelang als Buchhändlerin tätig, bevor sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte. Obwohl ihr Lebensmittelpunkt schon seit Jahrzehnten in Unterfranken liegt, schlägt ihr Herz noch immer für das Alpenvorland und ihre Geburtsstadt München.
Deine Krimis spielen oft in historischen Münchner Milieus – inwiefern prägt gerade die Geschichte Schwabings um 1962 deinen Blick auf weibliche Figuren und ihre Handlungsspielräume im Kriminalroman, und was reizt dich persönlich an dieser Zeitkulisse besonders?
Als gebürtige Münchnerin habe ich meine Heimatstadt als junge Frau verlassen, aber das Heimweh habe ich nie so ganz abgelegt. So ist 2024 Schwabing 62 als Fortsetzung meines ersten München-Krimis entstanden.
Meine intensive Beschäftigung mit der berühmten „Schwabinger Gräfin“ Franziska Gräfin zu Reventlow (1871 – 1918) hat maßgeblich zum Entstehen meines Kriminalromans beigetragen. Mein Mordopfer, Berenike von Rahnstedt, trägt ganz deutlich die Züge der Gräfin. Beide Frauen führten sowohl um die Jahrhundertwende als auch in den sechziger Jahren ein selbstbestimmtes und teilweise sehr freizügiges Leben, das stets im Widerspruch zu den gängigen Moralvorstellungen lag. Ihr Leben als alleinerziehende Mütter und die Bewältigung eines finanziell sehr eingeschränkten Alltags stellte für beide eine große Herausforderung dar.
Auch meine Auseinandersetzung mit den berühmten Schwabinger Krawallen 1962 als Vorbote der 68er-Bewegung ist deutlich in Schwabing 62 eingeflossen und bildet den historischen Rahmen meines Krimis.
Du schreibst Reihen mit wiederkehrenden Ermittlerfiguren – wie verändert sich dein Verhältnis zu diesen Figuren im Lauf der Jahre, und gab es einen Moment, in dem eine deiner Heldinnen oder Ermittler dich in eine ganz andere Plot-Richtung „gezwungen“ hat als ursprünglich geplant?
Das Verhältnis zu all meinen Figuren ist sehr innig. Sie sitzen des Nachts teilweise buchstäblich „auf meiner Bettkante“ und verlassen mich während des Schreibens nie so ganz! Doch geschieht es des Öfteren, dass plötzlich Nebenfiguren beginnen, eine Hauptrolle zu spielen, und so ist mir beim Schreiben von Schwabing 62 der ursprünglich vorgesehene Mörder tatsächlich abgesprungen, und eine ganz andere Person trat dafür in den Vordergrund. Das bedeutete viel Arbeit und Umschreiben, hat sich aber letztlich unbedingt gelohnt.
Auch in meinem dritten München-Krimi München 72 – Tod im Schatten der Olympiade, der im Herbst 2026 erscheinen soll, greife ich wieder auf meine treuen und bewährten Ermittlerfiguren zurück. Doch vor Überraschungen während des Schreibprozesses ist man meiner Meinung nach nie so ganz sicher.
Die Mörderischen Schwestern stehen für Vernetzung und Sichtbarkeit von Krimiautorinnen – was hat dieses Netzwerk ganz konkret für dein Schreiben oder für deine Auftritte als Autorin verändert, und welche Entwicklung wünschst du dir für Kriminalliteratur von Frauen in den nächsten zehn Jahren?
Als Späteinsteigerin ins Schreiben bin ich erst seit Kurzem Mitglied bei den Schwestern. Mit meinen 76 Jahren bin ich nicht mehr so mobil und gut vernetzt wie die Jüngeren. Doch bei der Criminale in Schwetzingen habe ich einige Schwestern kennen- und schätzen gelernt. Auch am Stand der Mörderischen Schwestern auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse habe ich mich sehr wohl gefühlt.
Die Kriminalliteratur von Frauen hat mit den Schwestern ein wichtiges, wenn auch ausbaufähiges Sprachrohr gefunden. Für Frauen ist es noch immer deutlich schwieriger, sich künstlerisch und literarisch zu behaupten als für Männer.
Mehr über Gretel Mayer auf ihrer Website: www.gretelmayer.de
Die Fragen stellte Sabine Griebel.
Beitragsfoto: privat
Schwabing 62
Gmeiner Verlag
Taschenbuch, 272 Seiten
auch als E-Book erhältlich
Erschienen: 14. Februar 2024
ISBN: 978 3 8392 0606 5