Autorin Christiane Nitsche-Costa

Drei Fragen an … Christiane Nitsche-Costa

15.09.2025 – Die Glauser-Preis-Nominierte Christiane Nitsche-Costa erzählt Sabine Griebel von ihrem bewegenden Moment im Schloss Schwetzingen, ungewöhnlichen Recherchemethoden – vom Klettern in Schiffsrahen bis zu Expeditionen in Bridgetowns Slums – und wie eine kleine Schnecke im Wald zur Inspiration werden kann. Ein faszinierender Einblick in eine Autorin, für die Neugier größer ist als Angst und Erzählen der „größte Friedensstifter von allen“ ist.

Erst einmal ganz herzlichen Glückwunsch zur Nominierung für den Glauser-Preis in der Kategorie „Kurzgeschichte“! Wenn dieses Interview veröffentlicht wird, ist die Veranstaltung schon vorbei, aber trotzdem die Frage: Wie empfindest Du den Einfluss solcher Preise auf den kreativen Prozess, und verändern sie vielleicht auch die Erwartungshaltung?

Auf mich und mein Schreiben hatte die Nominierung einen starken Einfluss. Schon das Erlebnis der Criminale war großartig. So viele Kolleginnen und Kollegen auf einen Haufen! So viele tolle Gespräche! So viel Spannendes, Lehrreiches in Workshops und Vorträgen! Ich war begeistert. Ohne die Nominierung wäre vielleicht mancher Kontakt nicht, oder weniger intensiv zustande gekommen. Ohne sie wäre ich nicht zur Leipziger Buchmesse gefahren. Ich hatte ein ruhiges Schreib-Frühjahr geplant. Daraus wurde dann erstmal nichts, nachdem der Anruf kam.
Es macht aber auch etwas mit der Selbstwahrnehmung, wenn man im Schloss Schwetzingen sitzt, der Saal gepackt voll mit dem Who-is-who der deutschen Krimibranche, und vorn flimmert das eigene Konterfei von einer Riesen-Leinwand in den Raum, während eine sonore Stimme Dinge sagt wie „geschickt komponierte, originelle Geschichte“ und „entfaltet einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann“. Ein Herzschlag-Moment der Anerkennung, der mich ungeheuer beflügelt.

Welcher Moment in Deinem Leben hat Dich zum Schreiben von Kriminalgeschichten inspiriert, und gibt es einen besonderen „dunklen Funken“, der Deine Kreativität entzündet?

Ich habe immer schon gerne Geschichten „erfunden“, noch bevor ich schreiben lernte. Das Kind habe zuviel Fantasie, hieß es. Geschichten wurden mein Lebenselixier, ohne das ich nie mehr sein wollte. Ob es einen „dunklen“ Funken dazu braucht? Sicher gibt es das: Beobachtungen in Politik und Gesellschaft, die mich zornig machen und dazu bringen, mich schreibend daran abzuarbeiten. Aber es gibt genauso die „hellen“ Funken. Momente von banaler Schönheit, wie etwa eine winzig kleine Schnecke, die sich über einen Zweig am Waldboden müht und dabei Tautropfen von ihrem Haus kullern lässt. Ist sie vielleicht auf der Flucht? Ich bin sicher, dass es nichts gibt, was nicht wert wäre, in Worte gefasst zu werden. Auch bin ich überzeugt, dass das Erzählen der größte Friedensstifter von allen ist. So lange wir einander (unsere) Geschichten erzählen, schlagen wir nicht aufeinander ein. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es in diesen Geschichten um Mord und Todschlag geht.

Wie gehst Du bei der Recherche für Deine Geschichten vor? Hast Du schon einmal ungewöhnliche oder gefährliche Situationen erlebt, die Dein Werk beeinflusst haben?

Wenn ich über einen Ort schreibe, an dem ich nie war, versuche ich, zuerst dort hinzufahren. Damit ich weiß, wie er sich anfühlt. Wie er riecht, schmeckt, klingt. Ob er gut zu mir ist, oder nicht. Meine Neugier ist von jeher größer als jede Angst. Und es ist bestimmt nicht so, dass ich keine Angst kenne. Aber ich will immer auch wissen, wie sich das anfühlt: Auf dem Dreimaster in die Rahen klettern, auf dem Containerschiff allein unter Männern durch die winterliche Nordsee pflügen. Allein einen Berg besteigen oder in den Slums von Bridgetown auf Foto-Motivsuche gehen. Ich habe einen reichen Fundus an Erlebtem und Gesehenem – Schönem und gar nicht Schönem. Zu letzterem zählen viele Erfahrungen, wie sie wohl nur Frauen machen, oder queere Menschen. Das spielt auf jeden Fall in meine Geschichten hinein.
Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann dass meine Geschichten dazu beitragen, dass das Gefährlichste in unserem Leben das Fliehen einer Schnecke über den Waldboden ist.

Die Fragen stellte Sabine Griebel.

Homepage: www.weibtisch.de

Beitragsfoto: privat

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Christiane Nitsche-Costa: Endlich vegan

erschienen in: Strandkorb, Mord & Sonnenbrand, herausgegeben von Toby Martins
Verlag: Kellner Verlag Bremen
ISBN: 978-3-95651-444-9