von Annette Gilles
Vom 7. bis 11. Oktober traf sich die Buchbranche auf der Frankfurter Buchmesse. Wir haben bei großen Verlagen nachgefragt, worauf sie beim Krimi setzen, welche Trends und neuen Entwicklungen es im Spannungsgenre gibt und mit welchen Stoffen wir als Autor:innen die besten Chancen haben.
So viel vorab: Es wird nicht leichter. Nicht für die Verlage und auch nicht für Autor:innen, die einen Verlag finden wollen. Denn auch wenn die großen Verlage die komplette Marketing-Klaviatur rauf und runter virtuos bespielen, wird es immer schwieriger, neue Autor:innen erfolgreich zu lancieren. Woran das liegt? Am Buchhandel jedenfalls nicht: Es sind die Leser:innen, die oft bekannten Autor:innen den Vorzug geben und Newcomer im Zweifel links liegen lassen. In unsicheren Zeiten will man eben möglichst genau wissen, was auf einen zukommt, selbst wenn es nur darum geht, ein Buch aufzuschlagen. Entsprechend sind die Verlage auf gutes Risikomanagement bedacht. Stoffe, die vom Lektorat als gut befunden wurden, scheitern nicht selten in der zweiten Runde, wenn die Marketing- und Vertriebsleute ihr Urteil abgeben.
Immerhin: Innerhalb des Krimi-Genres ist insbesondere Cozy Crime bei Leser:innen und Verlagen weiter auf Erfolgskurs, während die Verlage allzu blutigen und brutalen Stoffen eher mit Zurückhaltung begegnen. Parallel gelten aber auch extra harte Stoffe mitunter als vielversprechend – wenn die Idee wirklich außergewöhnlich ist. Ermittler müssen nicht mehr zwingend sympathisch sein (siehe die erfolgreiche Jackson-Lamb-Reihe bei Diogenes und Netflix), zumindest nicht auf den ersten Blick; überhaupt halten Verlage auch Ausschau nach „dem anderen Ermittler“, es darf – siehe Glenkill – auch gern mal ein Tier sein.
Beim Pairing von Autor:innen und Verlagen spielt die Musik zunehmend auf den Auktionen. Und – Überraschung! – für die großen Verlage werden Selfpublisher immer interessanter – vorausgesetzt, sie haben eine große Fanbase im Schlepptau. Aber gehen wir im Gespräch mit den einzelnen Verlagen doch noch ein bisschen tiefer ins Detail.
Droemer Knaur
Bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur setzt man beim Krimi „einerseits auf etablierte Namen“, so Key Account Manager Rudi Streubel, „in hohem Maße aber auch auf neue, junge Autorinnen und das Thema weibliche Psychospannung“. Allerdings habe man bei neuen Autor:innen ein deutlich höheres Verkaufsrisiko, weil sich „neue Namen oft nicht so durchsetzen, wie man sich das gewünscht hat“. Der Buchhandel sei zwar willig, doch die Käufer:innen entscheiden sich im Zweifel oft eher für den soundsovielten Fitzek oder für den neuen Titel von Nele Neuhaus. Das erlebe man gerade wieder bei einer aktuellen Neuerscheinung: „Wir haben eine neue Autorin, eine studierte Juristin, die uns einen tollen, richtig harten Stoff angeboten hat“, sagt Streubel. „Der Buchhandel ist begeistert, aber der Verkauf ist zurückhaltend. Das ist schade, denn frischer Wind ist so wichtig!“
Entdeckt hatte der Verlag diese Autorin übrigens, weil „eine unserer langjährigen Autor:innen (Ursula Poznanski, Anm.d.Red.) sie uns empfohlen hatte“. Es folgte eine Auktion, bei der die Autorin „hoch gehandelt wurde und wir uns gegen elf andere durchgesetzt haben“. Man habe ihr Buch dann breit beworben, aber dennoch laufe es nicht so wie erwartet. Worauf führt Droemer Knaur das zurück? „Vielleicht hat es mit dem Erscheinungstermin zu tun“, vermutet Streubel. Um die Buchmessen herum werde der Markt mit Neuerscheinungen ja regelrecht überschwemmt, da bestehe die Gefahr der Kannibalisierung. Daher „muss man Neuerscheinungen vielleicht mal anders terminieren.“ Im Sommer etwa. „Der August ist ein starker Krimimonat“, sagt Streubel, „da sind alle im Urlaub und brauchen Lesestoff.“
Kommt es öfter vor, dass etablierte Autor:innen wie Ursula Poznanski unbekannte Kolleg:innen empfehlen? „Ja, durchaus“, beobachtet Streubel. „Man unterstützt sich. Sebastian Fitzek etwa empfiehlt ja auch regelmäßig auf Instagram neue Autor:innen. Ich finde, das ist eine schöne Entwicklung.“
Galiani Berlin
Weiterhin eine positive Entwicklung beobachtet man bei Galiani Berlin auch in Sachen Regionalkrimi. „Wir setzen große Hoffnung in unsere neue Krimireihe von Toni Rivera“, sagt Theresa Feldhaus, zuständig für Presse, Marketing & Online bei Galiani. Dabei steht mit Capitano Enzo Rossi ein Ermittler alter Schule im Tessin im Mittelpunkt, „der nicht unbedingt auf Anhieb sympathisch ist“. Der Autor sei unter einem anderen Namen bereits bekannt, diese Reihe schreibe er unter dem Pseudonym Toni Rivera. Der erste Band ist bereits erschienen, der zweite folgt im Frühjahr 2027. „Wir halten den Regionalfaktor, bei dem man eine attraktive Gegend – wie im Fall Enzo Rossi das Tessin und auch italienisches Flair – erlebt, nach wie vor für sehr wichtig“, erklärt Feldhaus, „der Destination Krimi bleibt definitiv ein starker Trend“.
Gmeiner Verlag
Das sieht man beim Gmeiner Verlag ähnlich. „Am liebsten ist uns der klassische Regionalkrimi“, sagt Alexander Schulz, stellv. Marketing- und Vertriebsleiter bei Gmeiner, zudem sollten „die Figuren möglichst nicht zu kontrovers sein“. Cozy bleibe ein Aufsteiger, denn, „wissen Sie“, sagt Schulz, „die aktuelle Situation, die Politik, es passieren so viele schlimme Dinge im Moment, da wollen die Menschen einfach unterhalten und von ihren Büchern getröstet werden“. Worauf kommt es dem Gmeiner Verlag bei der jeweiligen Region konkret an? „Wichtig ist zunächst, dass die Region attraktiv und nicht zu überlaufen ist“, so Schulz, „der 90. Köln Krimi ist natürlich uninteressant.“ Ein Pluspunkt ist aber, wenn es in der betreffenden Region „eine ausreichende Buchhandelsdichte gibt“. Zudem sollten potentielle Autor:innen ein „gutes, sauber ausgearbeitetes Exposé und eine aussagekräftige Leseprobe“ abliefern. Die Exposé-Vorlage des Verlags muss zwingend ausgefüllt werden, „das ist unsere eiserne Regel, von der wir nicht abweichen“. Auch der weitere Ablauf steht felsenfest: Nach den Lektor:innen beugt sich die Vertriebs- und kaufmännische Leitung über die Manuskripte, entschieden wird mit 2/3-Mehrheit. Wie stehen die Chancen für Debütant:innen? „Wir haben in jedem Programm zu ca. einem Drittel neue Autor:innen“, sagt Schulz und betont: „Wir ermutigen ausdrücklich alle Autor:innen, auch ohne Agentur direkt auf uns zuzukommen.“
Piper
Damit dürfte Gmeiner allerdings eine Ausnahme bilden. Bei Piper zum Beispiel sucht man zwar „gut geschriebene, interessante Stoffe, die die Leser:innen nicht erst auf Seite 60, sondern sofort catchen“, sagt Key Account Manager Andreas Wetekam. Willkommen sind „insbesondere auch ungewöhnliche Ideen“. Doch auf die Frage, ob Autor:innen auch ungewöhnliche Wege gehen können, um ihr Manuskript bei Piper zu platzieren, lacht er und sagt: „Nein, da legen wir Wert auf unseren bewährten Ablauf“. Nämlich welchen? „Bei uns ist der Weg über eine Agentur praktisch unumgänglich.“ Wenn auf der Buchmesse Autor:innen vorbeischauen, um ihr Manuskript anzubieten, wird ihnen ein Handzettel mit der E-Mail-Adresse des Verlags und Angaben zum Verlagsprogramm ausgehändigt.
Zwar sei Piper „im Bereich Spannung in letzter Zeit nicht mehr der stärkste Verlag“ gewesen, räumt Wetekam ein, auch wenn man skandinavische Spannung, etwa von Arne Dahl, immer gepflegt habe. Das wolle man auch weiterhin tun und darüber hinaus „weibliche Spannung aus Großbritannien für ein weibliches Publikum forcieren“. Die Stoffe müssten dabei „gar nicht brutal und wahnsinnig blutig sein, sondern eher schwarzhumorig“. Und warum speziell von britischen Autorinnen? „Weil uns von ihnen viel Interessantes angeboten wird“, sagt Wetekam. „Wir versuchen, auf außergewöhnliche Stoffe zu setzen, allerdings muss man sehr gezielt auswählen und sich gut überlegen, welches Risiko man eingeht.“
Diogenes
Auch bei Diogenes setzt man gern auf ausländische Stoffe und Destinationen. „Allerdings muss die Region attraktiv sein, wie etwa das Périgord bei Martin Walker oder Venedig bei Donna Leon“, sagt der stellv. Verkaufsleiter Roger Send. Dabei „achten wir sehr stark auf Verkäuflichkeit und Serientauglichkeit, zudem muss der Stil zu unserem Haus passen“. Und wie identifiziert Diogenes Verkäuflichkeit? „Wir versuchen, das Manuskript entsprechend zu analysieren“, sagt Send, und „wenn es sich um eine Lizenz handelt, existieren ja bereits Verkaufszahlen“. Das gilt auch für die Publikationen von Autor:innen, die bereits als Selfpublisher erfolgreich waren, wie etwa der Brite Peter Grainger, der in diesem Jahr seine beiden ersten Titel bei Diogenes veröffentlicht hat.
Hoffmann und Campe
Auch bei Hoffmann und Campe freut man sich, in Martina Straten eine neue Autorin gewonnen zu haben, die „als Selfpublisherin eine riesige Fanbase hatte“, wie Key Account Managerin Shireen Röllig erzählt. Allerdings sollten Selfpublisher sich gut überlegen, ob sie den Schritt in einen Verlag wirklich wagen wollen, denn „man wird dann natürlich ins Rampenlicht gezogen und muss abliefern, Terminpläne und Deadlines einhalten und mit Druck umgehen können“. Andererseits biete die Zugehörigkeit zu einem Verlag auch große Vorteile, sagt Röllig: „Lieblingsbuchhändlertipp wird man als Selfpublisher jedenfalls nie!“
Grundsätzlich beurteilt man bei Hoffmann und Campe die Entwicklung des Spannungsgenres – und zwar „die komplette Klaviatur von Cozy bis Horror“ – sehr positiv. „Cozy Crime erfreut sich großer Beliebtheit, auch bei den Jungen“, sagt Shireen Röllig, „aber auch blutige Thriller bis hin zu Horror sind stark im Kommen“, speziell auch „richtig harte Stoffe aus dem asiatischen Raum“. Gerade habe man etwas aus Korea in der Pipeline, „das ist der Wahnsinn“, sagt Röllig. Extravagante Stoffe wie dieser sind gesucht, oft gebe es in solchen Fällen „auf den Auktionen einen regelrechten Bieterkrieg, allerdings sind besondere Stoffe natürlich auch risikoreicher“. Bisher geht die Strategie mit einem breiten Spannungsspektrum von wohligem Schaudern bis zu blutigem Horror für Hoffmann und Campe jedenfalls auf, freut sich Shireen Röllig, „momentan läuft es hervorragend“.
Ullstein
Auch wenn die Belletristik 2025 als einzige Sparte innerhalb des insgesamt schrumpfenden Buchmarkts ( – 2,7%, Quelle: Media Control 2025) mit einem Plus von 1,2% im letzten Jahr leicht gewachsen ist, ist es insbesondere für uns Autor:innen nicht gerade ermutigend, dass Neuerscheinungen seit Langem rückläufig sind und bereits seit zehn Jahren weniger als die Hälfte des Buchmarktes ausmachen (Quelle: Media Control 2026). Und auch wenn viele Verlage sich mit ihren individuellen Strategien in einer insgesamt schwierigen wirtschaftlichen Lage erfolgreich behaupten, klingt doch aus jedem Gespräch heraus, dass Risikominimierung ganz oben auf den To-do-Listen steht.
Wie gut, dass wir am Ende beim Ullstein Verlag noch Nele Neuhaus getroffen haben. „Der Krimi ist nach wie vor sehr gefragt und gern gelesen, das merke ich auch gerade wieder an meinem neuen Buch“, sagt Neuhaus, die von ihren Romanen bisher elf Millionen Exemplare verkauft hat und auf die Buchmesse gekommen ist, um ihren neuen Taunuskrimi „Alles wird Asche“ vorzustellen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Krimi alle Krisen überstehen und sich auch gegenüber Young Adult und Romance behaupten wird“, sagt diese unglaublich freundliche Bestsellerautorin, „denn der Krimi hat etwas an sich, das die Menschen fasziniert und zuversichtlich stimmt“. Dazu lächelt sie auf eine Weise, die jeden Pessimismus sofort im Keim erstickt. Kein Zweifel: Für ihre Kommissare Oliver von Bodenstein und Pia Sander wird es auch in Zukunft noch jede Menge zu ermitteln geben.
Über die Redaktion
Die Interviews wurden von unserem Redaktionsmitglied Annette Gilles geführt und zusammengefasst. Sie hat schon mehrere Kurzkrimis veröffentlicht und ihren ersten Kriminalroman vollendet.
Der Beitrag wurde editiert von unserem Redaktionsmitglied Natascha Volkert.