Digitales Kulturerbe – das klingt nach Archiv und Sorgfalt. Genau dort arbeitet Stephanie Müller im Hauptberuf. Am Schreibtisch dagegen bringt sie Menschen um – auf dem Papier, versteht sich. Wie passt das zusammen? Und was gibt die Autorin der „Writer’s Toolbox“ anderen Schreibenden mit auf den Weg?
Zwischen digitalem Kulturerbe und mörderischen Plotideen liegen auf den ersten Blick Welten. Wie passen diese beiden Seiten bei dir zusammen – und hat deine Arbeit im Kulturerbe schon einmal eine Geschichte oder sogar einen Mordfall in deinem Kopf ausgelöst?
Diese zwei Welten passen hervorragend zusammen. Denn das grundlegende Motiv ist für mich immer die Neugierde. Die Neugierde danach, wie die Menschen zum Beispiel damals gelebt haben, oder eben die Neugierde danach, wie sich ein Plot, eine Geschichte entwickeln kann und welche Geschichten ich erzählen kann. Die Neugierde ist häufig der Ausgangspunkt – für Geschichten, aber auch im Beruf. Dazu gehört für mich schon immer zwingend, Fragen zu stellen: Was passiert dann? Was wäre, wenn? Wie war das damals? Was würde passieren, wenn es ganz anders gelaufen wäre? Und dann bin ich schon mittendrin in den Ideen, es kommen Figuren hinzu, und eine Geschichte entwickelt sich.
Ideen zu Plots und Figuren kommen mir praktisch ständig. Auslöser kann alles im Alltag sein: ein Dialog, den ich in der Bahn mithöre, eine Straßenszene oder eine Landschaft, durch die ich hindurchfahre, oder auch einfach eine Kuriosität des Alltags. Aus allem kann ich als Autorin Inspiration ziehen, es weiterentwickeln, umwandeln und in die Geschichten einfließen lassen.
Du beschäftigst dich nicht nur mit dem Schreiben von Geschichten, sondern auch damit, wie Autorinnen und Autoren sichtbar werden – unter anderem in deinem Buch „Writer’s Toolbox“. Was hast du auf deinem eigenen Weg über das Schreiben, Veröffentlichen und Sich-Zeigen gelernt, das du gern schon zu Beginn deiner Autorenlaufbahn gewusst hättest?
Leg einfach los. Du brauchst keine Erlaubnis, keine Genehmigung und kein Zertifikat! Diese Erkenntnis ist mir erst sehr spät gekommen. Wenn du schreiben möchtest, dann schreib. Es ist erstaunlich, was alles passiert und welche kreativen Energien losgetreten werden, wenn du dich selbst nicht mehr künstlich bremst oder zurückhältst. Vielleicht ist das auch ein Lerneffekt, aber ich freue mich immer noch, dass es bei mir irgendwann klick gemacht hat und ich mich endlich getraut habe, mit dem Schreiben anzufangen.
Auch wenn es bei anderen so einfach aussieht – auch alle anderen kochen nur mit Wasser. Das stelle ich immer wieder fest. In der Buchwelt und in den Autor*innen-Bubbles sieht man in der Regel nur das Endprodukt und nicht die ganze Arbeit, den Schweiß, die Nerven und die Verzweiflung, die in das wunderbare fertige Buch geflossen sind. Das Einzige, das mir dabei hilft, ist, ins tatsächliche Tun zu kommen. Nicht so viel nachdenken, einfach mal loslegen und schreiben oder das mit dem Marketing ausprobieren. Vielleicht kommt ja etwas Positives dabei heraus.
Kaffee, Bücher, Plotgeister und Lorelai Gilmore gehören zu deinem persönlichen Autorenkosmos – und irgendwo dazwischen müssen auch noch Leichen untergebracht werden. Wie sieht ein ganz normaler „mörderischer“ Tag bei Stephanie Müller aus?
Den normalen „mörderischen“ Tag gibt es bei mir tatsächlich gar nicht. Dabei bin ich eine große Freundin von Regelmäßigkeit. Ich versuche, das Schreiben unter der Woche unterzubringen, wann es passt. Aber in der Regel ist dafür nur freitags und am Wochenende Platz, und dann besonders vormittags. Da kann ich mich am besten konzentrieren, da habe ich noch Disziplin und bleibe an meinem Schreibtisch sitzen. Neben mir stehen dann meist ein Kaffee und ein Glas Wasser, und dann erkunde ich die kreativen Welten und versuche, Wörter aufs Papier zu bringen.
Ideen sammele ich nonstop, die sind an keine Tages- und Nachtzeit gebunden. Sie werden auch sofort notiert – analog oder digital, je nachdem, was gerade da ist –, damit sie nicht verloren gehen. Da kann es dann schon mal passieren, dass ich am Bahnsteig oder im Café darüber grübele, wie die Leiche an einem Tatort gefunden werden kann, was das Motiv des Täters ist oder warum die Figuren schon wieder auf eigenen Wegen unterwegs sind und nicht das tun, was ich geplant und geplottet habe. Das hatte schon mehrfach zur Folge, dass ich etwas abwesend war und Kolleg*innen, Bekannte und Freund*innen, die mich grüßten, erst beim zweiten Mal hörte.
Mehr über Stephanie Müller auf ihrer Website.
Die Fragen stellte Sabine Griebel.
Beitragsfoto: privat
Rita und der Mord im Loft
Stephanie Müller
Selbstverlag/ Veröffentlicht über Epubli
ISBN: 9783565569298
ET: 31.7.2026