von Anette Gilles
„Was mir gefällt, verkaufe ich auch gut“
Zehn auf Spannungsliteratur spezialisierte Buchhandlungen gibt es in Deutschland. Die Krimibuchhandlung Miss Marple in Berlin ist eine davon.
„Als ich angefangen habe, haben viele Kunden sich quasi dafür entschuldigt, dass sie einen Krimi kaufen“, sagt Cornelia Hüppe, denn das sei ja „keine Literatur“. Sie schüttelt den Kopf, wenn sie davon erzählt. Bis heute kann sie solche Berührungsängste mit dem Krimi-Genre nicht nachvollziehen. Sie selbst kam schon als Schülerin auf den Krimi-Geschmack: Als die Mutter einer Mitschülerin der leidenschaftlichen Leserin den ersten Inspector-Lynley-Band von Elizabeth George schenkte, war es um sie geschehen. „Danach haben ich mir die nächsten beiden Titel sofort aus der Bücherei geholt“, erinnert sie sich. Bis heute liebt sie es, „Reihen zu lesen“.
Aus Liebe zum Lesen hat sich die heute 62-Jährige, die aus dem niedersächsischen Verden stammt, nach dem Abitur gegen ihre Eltern durchgesetzt und eine Buchhändler*innenlehre gemacht – mit der Auflage, im Anschluss „noch etwas Vernünftiges zu studieren“. Also hat sie ein BWL-Studium in Passau draufgesattelt, um danach – schon nach Berlin übergesiedelt – acht Jahre im Bereich Personal-/ Ausbildungswesen zu arbeiten. „Aber wenn man einmal im Buch ist, bleibt man im Buch“, lacht Hüppe, und da „ich so gerne Krimis lese, kam ich auf die Idee, eine Krimibuchhandlung zu eröffnen“. Zwar gab es in Berlin bereits die Krimibuchhandlung Hammett in Kreuzberg, doch „ich war überzeugt, dass die Stadt noch eine zweite verträgt“, zumal das, was ihr vorschwebte, „das Gegenteil von Hammett sein sollte“, nämlich „eher weiblich geprägt“, eine „Miss Marple“ eben.
In der Weimarer Straße in Charlottenburg-Wilmersdorf – den Rat, sich in dieser Gegend anzusiedeln, hatte ihr die IHK gegeben – fand Cornelia Hüppe ein 50qm großes Ladenlokal, das ihr auf Anhieb gefiel. Und dann ging alles ganz schnell: Sie quittierte ihren alten Job im September, eröffnete Miss Marple im November – „und dann kam drei Monate lang kein Kunde“. Hinzu kam Ärger mit dem Ordnungsamt: Die Beschilderung ihres Geschäfts bildete eine „Nase“, Bürokratendeutsch für eine Ausbuchtung, an der man sich mit Pech womöglich den Kopf stoßen könnte. Um sich mit ihrem Ärger über das Amt Luft zu machen, schrieb Hüppe einen Brief an die Berliner Zeitung – und die gesamte Journaille griff das Thema auf und berichtete, von der Tagespresse bis zum „Stern“. So hat das „Nasenschild“ ihr letztendlich Glück gebracht, denn von nun an kamen die Kunden, anfangs 80% Frauen, 20% Männer; heute sind es 60% Männer und 40% Frauen aus allen Gesellschaftsschichten.
Logikfehler sind ein No-go
Bald begann Cornelia Hüppe auch, Lesungen zu veranstalten, zunächst mit Schauspielern, später engagierte sie die Autorinnen und Autoren selbst, jeweils zum Honorarsatz von 250€, denn sie findet es „nicht richtig, wenn diese Leistung nicht bezahlt wird“. Auch wenn zu ihren Lesungen „jedes Mal mindestens 50 Leute“ kamen, verzichtet sie inzwischen darauf. „Ich möchte solche Dinge nun Jüngeren überlassen“, sagt Cornelia Hüppe. Denn Lesungen sind aufwendig. Sie verlangen eine Menge Organisation und Kommunikation. So braucht man etwa eine Lizenz für den Weinausschank, der bei Miss Marple zu Lesungen dazugehört. Zudem muss der Laden jedes Mal um- und aufgeräumt werden, während das normale Geschäft parallel weiterläuft. Und daran hat Cornelia Hüppe den Anspruch, dass „jede Kundin hier mit dem richtigen Krimi rausgeht“. Daher stellt die Krimi-Expertin neuen Kundinnen und Kunden grundsätzlich drei Fragen: „1. Was haben Sie zuvor gelesen?, 2. Welche besondere Vorliebe haben Sie?, 3. Welches Land ist Ihnen als Schauplatz am liebsten?“
Sie selbst legt als Leserin Wert darauf, dass sie die Charaktere mag, außerdem wird sie gern überrascht und ist „anspruchsvoll, was die Logik betrifft“, so Hüppe, „Logikfehler finde ich ganz schlimm!“ Wo ein Krimi spielt, woher der Autor, die Autorin kommt, „ist mir eigentlich egal“, allerdings ist sie „nicht gerade Amerika-affin“, lieber „mag ich Exotisches“. Was sie nicht mag: „Historische Krimis und Dystopien“. Ihre aktuellen Favoriten sind M.W. Craven (Washington Poe ist mein Lieblingsermittler“) und Simon Mason, denn „den britischen Humor und akribische Polizeiarbeit liebe ich sehr“. Auch die Riege der Skandinavierinnen – Kristina Ohlsson etwa, Åsa Hellberg oder Frida Skybäck – schätzt sie, ebenso Liz Nugent („Ihre Protagonistinnen sind immer böse – aber man versteht, warum sie böse sind“) und Louise Penny („Das ist meine große Liebe!“). Fitzek hingegen verkauft sie „fast gar nicht“.
Ihr persönlicher Buchgeschmack ist es auch, der das Miss-Marple-Sortiment maßgeblich prägt. „Autorinnen und Autoren, die ich persönlich gut finde, verkaufe ich auch gut“, sagt Cornelia Hüppe. Rund 60% ihrer Kundinnen und Kunden suchen beim Buchkauf ihren Rat und sind offen für ihre Empfehlungen. Daher richtet sie sich bei der Disposition auch nicht nach Bestsellerlisten, sondern nach ihrem Bauchgefühl: „Ich sehe mir die Vorschauen der Verlage an und weiß sofort, was ich will.“ Buchmessen sind für sie irrelevant, wichtiger ist ihr der Austausch mit den Vertreterinnen vor Ort. „Von ihnen erfahre ich, was gelesen wird, denn das muss ich meinen Kundinnen und Kunden sagen können“. Von ihr wiederum möchten die Vertreterinnen wissen, „was ich gut finde – und da bin ich sehr ehrlich“. Weniger Masse und Mainstream wünscht sie sich von den Verlagen („Wenn Frankreich-Krimis gerade gut gehen, machen alle Verlage Frankreich-Krimis“), dafür „mehr Offenheit und Individualität“. Schon oft hat sie erlebt, dass begabte Autorinnen keinen Verlag finden. Daher macht sie sich für Talente stark: „Ich würde behaupten, dass ich Elisabeth Herrmann entdeckt habe“, sagt Cornelia Hüppe. Manchmal macht sie aber auch die Erfahrung, dass „Autorinnen, die ich gut finde, sich nicht durchsetzen“.
„Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass wir wichtig sind und wirklich gebraucht werden.“
25 Jahre Miss Marple
Mit ihrer Strategie hat Cornelia Hüppe ihre Miss Marple fest in der Berliner Buchhandelslandschaft verankert. „Fünf Jahre nach dem Start waren wir etabliert“, heute ist sie eine Institution. Parallel hat der Krimi seine früheren Imageprobleme überwunden, „vielleicht aufgrund der vielen Krimiserien“, vermutet Hüppe. Laut „Börsenblatt“ hält das Spannungsgenre seinen 25%-igen Umsatzanteil an der Belletristik seit Jahren (Anteil Belletristik am Gesamt-Buchmarkt 37%, Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels). „Der Krimi erlebt nach wie vor einen Hype, und darüber freue ich mich sehr“, sagt Cornelia Hüppe.
Eine der erfolgreichsten Phasen von Miss Marple war die Corona-Krise. „Es mag sich seltsam anhören“, sagt Hüppe, „aber die Pandemie war richtig schön für uns.“ Denn während die meisten anderen Branchen im Lockdown waren, durfte der Berliner Buchhandel geöffnet bleiben; das hat dazu geführt, dass „wir jede Menge Bücher verkauft haben, selbst Kochbücher und sehr Teures“, erinnert sie sich. „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass wir wichtig sind und wirklich gebraucht werden.“ Dennoch war die Pandemie – wie für viele andere Branchen und Unternehmen – auch für Miss Marple ein Wendepunkt: „Seit drei Jahren geht es steil bergab“, sagt Cornelia Hüppe. Denn nicht nur die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen insgesamt und das generelle Konsumklima, auch die spezielle Mikrolage von Miss Marple hat sich verschlechtert. „Unser Kiez hat sich total verändert“, beobachtet Cornelia Hüppe. „Früher gab es hier alle möglichen kleinen Läden, größtenteils geführt von Frauen, inzwischen sind fast alle verschwunden.“ Hinzu kommt: Die Miss Marple Klientel ist alt geworden, ohne dass jüngere Krimi-Kundschaft nachwächst. „Für die Jungen ist online alles“, sagt Hüppe. Auch dass viele Menschen nicht mehr so viel Geld zur Verfügung haben, macht Miss Marple zu schaffen: „Wer früher drei, vier Bücher gekauft hat, kauft jetzt eins.“ Der letzte Juni war der bisherige Tiefpunkt dieser Entwicklung.
Es mag zwar kein Trost sein, aber damit spiegelt Miss Marple exakt den Branchentrend wider: 2025 lag der Branchenumsatz 2,7% und im ersten Halbjahr 2026 sogar 4,1% unter Vorjahr (Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Stand Juli 2026). „Daher denke ich inzwischen über meinen Abschied nach“, sagt Cornelia Hüppe. Ihr aktuelles Ziel ist es, zumindest bis zum nächsten Jahr durchzuhalten. „Dann feiert Miss Marple ihr 25-jähriges Jubiläum“, sagt Cornelia Hüppe, „und das möchte ich noch erleben.“
Über die Redaktion
Das Porträt wurde von unserem Redaktionsmitglied Annette Gilles geschrieben. Sie hat schon mehrere Kurzkrimis veröffentlicht und ihren ersten Kriminalroman vollendet.
Es wurde editiert von unserem Redaktionsmitglied Kaja Neff, Autorin von „Rotkäppchen ist der Wolf“ und „Der Junge im Wald“