Es könnte dein Projekt sein …

Arbeitsstipendium: 154 Bewerbungen – es geht rund in der Jury

von Carolyn Srugies

154 Bewerbungen von 155 Autorinnen. Wahnsinn, oder? Glücklicherweise erhalten wir die Einsendungen inzwischen ausschließlich über die Webseite. Die Vorgängerinnen erhielten die Projekte noch in ausgedruckter Form in fünffacher Ausfertigung. Die armen Jurysekretärinnen mussten die Exemplare dann den jeweiligen Jurorinnen zusenden. Da bin ich und die Jury besteht aus Christina, Jeanette, Judith, Karen und Yvonne – in einer luxuriösen Situation. Die Einsendungen kommen über das Datenblatt. Ich prüfe die Beiträge auf Vollständigkeit und Anonymität. Dann versende ich die Leseprobe und das Exposé an die Jurorinnen.

Der Prozess hat mir wieder viel Freude bereitet. Fast alle Bewerberinnen danken den Mörderischen Schwestern für die tolle Chance, einen der drei Preise – besonders natürlich das Stipendium – erhalten zu können. Das gebe ich gerne an euch weiter.

Auch in diesem Jahr gab es einige wenige, etwas ungewöhnliche Zuschriften. In den Teilnahmebedingungen bitten wir darum, die Leseprobe und das Exposé mit einem gleichlautenden siebenstelligen Code zu versehen. Das ist wichtig, weil es immer wieder ähnlich klingende Titel gibt. Vor zwei Jahren waren es die Schlagworte Rot/Tod/Wolf. In diesem Jahr häuften sich „Sommer“ im Titel sowie der Name Emma/Emmi.

  • Einige Autorinnen gaben jedem Anhang einen anderen Code. Auch „das Siebenstellige“ habe ich anscheinend nicht deutlich herausgestellt. Vor einem dreistelligen bis zu einem zwölfstelligen Code war alles dabei. Gern wird auch der Klarname gewählt. Das muss nachgebessert werden.

  • Eine Bewerberin schrieb, sie könne die Dokumente nicht anonymisieren. Ihr Computer sei das Einzige gewesen, was ihr nach der Scheidung 2002 noch geblieben sei. Das Anonymisieren würde den Computer zerstören – das ginge nicht.

  • Eine andere Bewerberin litt unter der Zeitnot der dreimonatigen Bewerbungsfrist. Sie schrieb, sie habe absolut keine freien Kapazitäten für die Erstellung der geforderten Dokumente „Sehen Sie sich einfach auf meiner Webseite um. Dort finden sich Vita und Bibliographie. Auch mit meinem Schreibstil können Sie sich dort vertraut machen. Das müsse reichen, um sich um das Stipendium zu bewerben. Schließlich ginge es nicht um ein Schreibprojekt.“ Doch genau darum geht es.

  • Eine Bewerberin schrieb, sie habe die Dokumente ordnungsgemäß anonymisiert und eingeschickt. Das stimmte. Nun habe sie nachträglich ein professionelles Bewerbungsvideo drehen lassen. Wem solle sie es senden? Den Jurorinnen oder mir?

  • Eine andere Autorin schrieb mir eine harsche Mail, geschützt unter einer anonymen Adresse, ohne Namen. Ohne Anrede, in aggressivem Ton teilte sie mit, unser Prozess müsse alles andere als anonym sein, Fake pur! Es könne nicht sein, dass die Jurorinnen die Namen nicht kennen würden. Schließlich würden wir die Longlist mit den Namen veröffentlichen und die Gewinnerin sei ebenfalls enthalten. Die Mail endete grußlos. Ich habe mir die Zeit genommen, der Dame zu antworten und ihr das Verfahren zu erklären. Die Jury legt sich auf Longlist, Shortlist, Plätze eins bis drei fest. Erst dann gebe ich den Jurorinnen die Namen bekannt.
    Die Dame antwortete nicht. Wenige Tage später erhielt ich eine Bewerbung von ihr, ganz normal, mit einer klassischen E-Mail-Adresse. Woher ich weiß, dass es sie ist? Nun, sie hat einen Fehler gemacht. Und ich bin ja auch eine Krimi-Autorin…

Die Jury hat sich durch alle Beiträge gelesen. Die Schwestern diskutieren und argumentieren. Es bleibt spannend – bis zur Longlist im September.

 

Beitragsbild: erstellt mit Canva/KI