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Frauen und Horror – Wieso Frauen keine Angst haben, sich zu fürchten

von Kaja Neff

Für die Literaturwissenschaft ist Horror eine klare Sache: Er ist eine Form der Fiktion, die ans Eingemachte geht, soll heißen, Horror will primär negative Emotionen hervorrufen wie Angst, Schrecken, Grauen und Ekel. Und Stephen King würde in seinem Buch Danse Macabre hinzufügen, wenn man es richtig macht, schon. King fasst das sinngemäß so zusammen: Zuerst kommt das Unbehagen, dann der Horror, das ist der Moment, in dem Monster oder Killer zuschlagen, und das Ganze endet mit dem Gefühl des Ekels, also dem Anblick von Verletzungen und Wunden.

Wie zutreffend das ist, beweist eine Szene aus dem Schocker Psycho von Alfred Hitchcock, den jede von uns kennen dürfte: Als der Versicherungsagent Milton Arbogast Norman Bates’ Mutter aufsuchen will, begleitet man ihn mit einem mulmigen Gefühl ins Haus. Er geht die Treppen hinauf, und man denkt noch … Mach das lieber nicht! Und dann stürzt sich eine rasende Frau mit einem langen Messer auf ihn, und er fällt Stufe um Stufe blutüberströmt nach unten. Danach metzelt ihn das Monster im Schürzenkleid unrettbar ab. (Die berühmte Duschszene funktioniert nach demselben Muster!)

Negative Emotionen, Schock und Schmerz … wollen Frauen das wirklich sehen oder lesen? Ja, und zwar weltweit. Der Anteil der Frauen, die Horror lieben, ist gestiegen. Da Frauen sowieso mehr lesen und Bücher kaufen als Männer, wird er von den verschiedenen Statistiken der Verlagshäuser auf 45 bis 65 Prozent geschätzt. Aber Frauen lesen nicht nur. Sie gehen auch dazu über, das Grauen selbst zu erzählen. Kein Wunder: Frauen machen schon als junge Mädchen Angsterfahrungen, weil ihre Welt gefährlicher ist als die der Männer. Der nächtliche Park hat für die beiden Geschlechter nicht dieselbe Bedeutung, was uns Frauen früh für das Verständnis von Angst und Schrecken sensibilisiert.

Wieso sollten wir keine Lust haben, darüber zu schreiben? Zumal sich die Rolle der Frauen in Film und Literatur stark gewandelt hat, Stichwort Final Girl. Hier haben wir eine zähe Kämpferin statt ein hilfloses Opfer, was den weiblichen Blick auf den Schrecken noch interessanter macht.

Besonders die Indie-Szene der Selfpublisherinnen hat mit Subgenres wie Schauerliteratur und Gothic Horror, Dark Fantasy und Dark Urban Mystery, um nur einige zu nennen, Pionierarbeit geleistet. Auch die Verlagshäuser merken inzwischen auf. 

Die KI fasst die Entwicklung in Deutschland wie folgt zusammen: „Dass expliziter Horror von Frauen in großen deutschen Verlagen präsenter wird, zeigt sich an aktuellen Spitzenplatzierungen. Ein prominentes Beispiel (hierfür) ist die Autorin Annika Strauss. Sie schrieb gemeinsam mit Bestseller-Autor Sebastian Fitzek den von Droemer Knaur verlegten Horror-Roman REM, der im Jahr 2026 zu den großen Genre-Highlights im deutschsprachigen Raum gehört.2

Annika Strauss war bereit, mir für unseren Krimiticker ein paar Fragen zum Thema Frauen und Horror zu beantworten. Hier das Interview. 

Liebe Annika,

lange galt Horror in den deutschen Verlagshäusern als riskante Nischenliteratur. Oft wurden Romane, die Horror-Tendenzen aufwiesen, als Thriller ausgewiesen. Doch das ändert sich gerade, auch dank deiner Hilfe.

Macht dich das stolz? Und wie kam es zu der Entscheidung, statt eines neuen Thrillers wie Nachtfahrt einen Horrorroman zu schreiben?

 Annika: Ja! Es macht mich in der Tat stolz und vor allem ziemlich glücklich, dass ich dazu beitragen darf, den Horror aus der Schublade zu befreien und einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Horror bietet so viele Facetten, so viele Subgenres innerhalb des Genres, und ist so viel mehr als Gemetzel und Blut. Deshalb freue ich mich riesig, dass ein großer Publikumsverlag wie Droemer Knaur bewusst das Wort Horror auf ein Cover druckt.

Horror und Thriller gehören zu meinen absoluten Lieblingsgenres, schon immer. Bereits vor meinem Thriller-Debüt Nachtfahrt hatte ich eine Geschichte geschrieben, die mehr Horror als Thriller war, die aber damals, insbesondere wegen des Genre-Mix’, leider kein Verlag wollte. Also habe ich einen klassischen Thriller geschrieben und mit Nachtfahrt schnell einen Verlag gefunden. Als kurz nach der Veröffentlichung die Anfrage kam, ob ich mit Sebastian Fitzek einen Horror-Thriller schreiben möchte, konnte ich mein Glück kaum fassen! Etwas Besseres, als das Genre in Deutschland gemeinsam mit dem Meister des Thrills sichtbarer zu machen, hätte mir einfach nicht passieren können.


Beim Horror geht es darum, das Gefühl von Angst und Ausgeliefertsein zu beschreiben. Das kann man über REM ganz bestimmt sagen, denn: Was ist schlimmer als das Gefühl, dass man nie mehr schlafen sollte?

Wie bist du mit deinem Autorenkollegen auf diese Idee – Schlaf nicht ein! – gekommen?

 Annika: Die Grundidee von REM ist ja die Frage, was wäre, wenn wir uns unsere Träume nach dem Aufwachen wie einen Film ansehen könnten. Und was wäre, wenn das keine gute Idee wäre? Diese Idee beschäftigte Sebastian mindestens seit seinem Thriller Der Nachtwandler aus dem Jahr 2013. Er wusste immer, dass ihn diese Geschichte in ein anderes Genre, nämlich zum Horror, bringen würde. So kam es letztendlich auch zur Zusammenarbeit mit mir. Das heißt, die Grundidee, dass es um Schlaf, Träume und Schlafentzug geht, stammt von Sebastian und ist natürlich großartig. Allein die Idee, Träume sichtbar zu machen, eröffnet ein riesiges Spielfeld im Horror. Da war einfach alles möglich!

 

Noch bevorzugen Frauen psychologischen Horror und Männer brutale Stoffe, in denen viel Blut fließt. Du hast ja schon als Schauspielerin Erfahrung mit Horror-Stoffen gemacht. Wo siehst du deinen Fokus? Und wie schrecklich darf es für dich werden?

Annika: Was den Schrecken angeht, setze ich mir keine Grenzen. Wenn ich über das Böse schreibe, liegt meine Verantwortung im bewussten Einsatz, nicht in Tabus. Das heißt: Auch bei mir darf es mal blutiger, mal härter zugehen, aber nur dann, wenn es die Geschichte wirklich braucht oder es sie voranbringt. Blut und Gewalt sind für mich keine Dekoration, sondern markieren Kipppunkte in der Handlung. Mich interessiert in Horrorgeschichten, wie sich Menschen verhalten, wenn die Realität bricht und das Böse übermächtig wird. Wo liegen dann noch die eigenen Werte? Das sind für mich die wirklich spannenden Fragen im Horror und nicht, wie viel Blut ich am Ende verspritzt habe.

 

Das berühmte Final Girl, bekannt geworden durch Jamie Lee Curtis in der Halloween-Reihe, hat den Horror attraktiver für weibliche Zuschauer und LeserInnen gemacht. War es für euch klar, dass ihr eine weibliche Heldin nehmt und habt ihr das erst ausdiskutiert? Worin lagen die Vorteile einer weiblichen Hauptfigur?

Annika: Für uns war ziemlich schnell klar, dass wir eine weibliche Hauptfigur haben möchten. Leserinnen können sich gut in eine weibliche Figur hineinversetzen, denn Frauen sind es (leider) gewohnt, Alltagssituationen aufmerksam einzuschätzen, Risiken abzuwägen oder sich behaupten zu müssen. Eine gute Horrorheldin gewinnt nicht, weil sie stärker ist als der Gegner, sondern weil sie klüger und mutiger ist. Genau das macht sie interessant. Zum anderen ist das Prinzip des Final Girl bis heute einfach spannend: Wir alle wissen, dass diese Frau leiden wird, dass sie scheitern wird, dass sie kämpfen muss, um am Ende hoffentlich einen Weg zu finden, das Böse zu besiegen. Erzählerisch ist das unglaublich reizvoll.

 

Was ist für dich nackte Angst und wie fängt man sie am besten für die LeserInnen ein?

Annika: Kontrollverlust! Ich bin ein echter Angsthase und ziemlich leicht zu erschrecken. Daher halte ich mich im echten Leben immer an Regeln und habe so wenigstens das Gefühl, dass ich alles unter Kontrolle habe und mir theoretisch nichts passieren dürfte. Auf dem Papier lasse ich dafür nur allzu gern alles eskalieren – dort liebe ich das Gefühl von Angst, Gänsehaut, Schock und Adrenalin. Aber wohlgemerkt nur dort!

Diese Gefühle einzufangen und wiederzugeben, funktioniert natürlich am besten über die Figur, in die man sich hineinversetzen kann, mit der man mitfiebert und mitleidet. Der langsame Kontrollverlust, das Unbekannte oder Elemente wie Dunkelheit, Stille oder Enge können eine Situation noch bedrohlicher machen. Auch das bewusste Auslassen ist eine gute Methode, um Angst zu erzeugen. Die Lücke füllt unser Gehirn immer mit dem Bedrohlichsten, was wir uns vorstellen können. Manchmal ist das sogar intensiver, als das Monster mit den spitzen Zähnen direkt zu zeigen.

In Horrorgeschichten dürfen wir – sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen – Angst fühlen, ohne ernsthaft in Gefahr zu sein. Und am Ende können wir die Angst einfach wieder loslassen. Das hat etwas Befreiendes und bewiesenermaßen eine kathartische Wirkung. Die Fiktion lässt uns die Grenze spüren, ohne dass wir wirklich darüber gehen müssen. Genau darin liegt die Kraft von Horror.

 

Annika Strauss lebt in Süddeutschland und arbeitet als Redakteurin für den SWR. Sie hat als Schauspielerin in vielen Horror-Produktionen mitgewirkt und ein Faible für das Thema Horror. Zusammen mit Sebastian Fitzek hat sie den Roman REM geschrieben, der bei Droemer erschienen ist und, bisher eher unüblich, auch als Horror statt Thriller ausgegeben wurde. Damit konnte sie dazu beitragen, dass der Respekt für das Genre wächst.
Mehr über Annika Strauss: https://annikastrauss.com/

Das Interview wurde von unserem Redaktionsmitglied Kaja Neff geführt. Kaja Neff ist Autorin des Thrillers Rotkäppchen ist der Wolf. Website: https://karin-neff-1.jimdosite.com/ueber-uns/.

Der Text wurde von Katja Szimmat redaktionell überarbeitet. Mehr über Katja erfahrt ihr auf https://dauerleserin.de/ und https://dauerlektorin.

Foto: Claudia Engl