KNV-Insolvenz – was bedeutet das für Autorinnen?

von Petra Samani

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Nach dem „schwarzen Valentinstag“, dem Tag, an dem die KNV-Insolvenz bekannt gegeben wurde, nach dem ersten Sturm der bangen Reaktionen, nach dem Schock, dass ein für die Buchbranche derart zentrales Unternehmen zukünftig fehlen werde, nach all den Spekulationen, wer in die Bresche springen wolle und könne, ist es nun ruhig geworden. Dass der der größte Logistiker der Buchbranche, der tagtäglich 5.600 deutschsprachige Buchhandlungen belieferte und jedes deutschsprachige Werk in 70 Ländern sofort beschaffen und versenden konnte, durch seine Pleite ein großes Loch hinterlässt, in das er viele Beteiligte mit hineinreißen kann, ist kein Thema mehr.

Der Insolvenzverwalter, der nach eigenen Angaben eine solche Solidarität wie in der  Buchbranche noch nie erlebt hat, ist zuversichtlich. Alle anderen Beteiligten melden sich nicht mehr zu Wort, sondern warten auf den erwarteten guten Ausgang. Irgendjemand werde sich schon finden und den Status quo wiederherstellen, ist die unausgesprochene Hoffnung. Die KNV-Insolvenz ist aus den Schlagzeilen verschwunden und wird nur noch hinter verschlossenen Türen diskutiert.

Aber gibt es jetzt wirklich keinen Grund zur Besorgnis mehr? Besteht denn nicht mehr das Problem, dass die Pleite des größten Barsortimenters kleine Buchhandlungen in den Ruin treibt, weil ohne die Möglichkeit, dass ein bestelltes Buch am nächsten Tag abgeholt werden kann, die Kundinnen und Kunden nur noch bei einem großen Online-Anbieter bestellen? Geraten die kleinen Verlage, deren offene Rechnungen bei KNV nun nicht mehr beglichen werden, nicht mehr an den Rand ihrer Existenz? Im Mai läuft für die KNV-Beschäftigten das Insolvenzgeld aus, auch das ist kein Thema in der Berichterstattung. Und was bedeutet all das eigentlich für die Autorinnen und Autoren, die bisher in dem ganzen Verfahren kaum erwähnt wurden?

Der VS hatte sich im März zu Wort gemeldet und zu bedenken gegeben, dass der Honorarausfall durch die KNV-Insolvenz, i.e. durch die nicht erfolgten Auszahlungen an die Verlage, „unter anderem das Weihnachtsgeschäft, das einen großen Teil der Einnahmen ausmacht“, betreffe. Der VS forderte daher: „Ausstehende Autorenhonorare (auf Grund von noch nicht beglichenen Rechnungen der Verlage durch KNV) müssen an die Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie Übersetzerinnen und Übersetzer ausgezahlt werden.“ Und da noch unklar sei, welche Folgen die KNV-Insolvenz für Autorinnen und Autoren habe, wurden die VS-Mitglieder, die direkt betroffen sind oder Verzichtsschreiben erhalten haben, gebeten, sich an ihre VS-Ansprechpartner vor Ort zu wenden. Das war vor einem Monat, erste Meldungen müssten also schon vorliegen. Aber auch hier - Schweigen im Walde. Die Forderung an die Politik, einen Schirm für KNV aufzuspannen, analog zur Bankenrettung, wurde ebenfalls nicht weiterverfolgt.

Die Reaktionen der Verlage sind unterschiedlich. Die Palette reicht von Kürzungen der Honorare für Autorinnen und Übersetzerinnen um 7%, bis zur Weiterzahlung der vollen Honorare aus Solidarität, eine Maßnahme, die sicherlich nicht endlos lange durchgehalten werden kann.

Wie kann es denn nun weitergehen und welche Konsequenzen hätte das? KNV war der größte der Barsortimenter, dessen Liefermengen von den anderen, z.B. Libri, nicht voll aufgefangen werden können. Auf der anderen Seite kennen reine Logistikunternehmen sich nicht gut genug aus in der doch recht speziellen Buchbranche. Immer lauter wird daher die Vermutung, dass Amazon übernehmen könnte. Erfahrungen in der Buchbranche, wenn auch auf einer anderen Ebene, sind dort ebenso vorhanden wie eine exzellente Logistik.

Vielleicht ist das Schweigen der Branche dem gleichen Effekt geschuldet wie das Erstarren eines Kaninchens angesichts einer Schlange. Eine Übernahme durch Amazon würde nach brancheninternen Einschätzungen nicht nur die Buchpreisbindung durch die Hintertür aushebeln, sondern auch zu einer weiteren Monopolisierung in der Buchbranche führen. Sprich: Noch weniger kleine, unabhängige Buchhandlungen, weil deren Belieferung und der Service, von dem sie bisher profitieren, aufwändig ist und von einem Unternehmen wie Amazon entweder nicht angeboten werden wird oder zusätzlich bezahlt werden müsste.

Und für Autorinnen und Übersetzerinnen: Weniger und niedrigere Honorare, noch weniger Kolleginnen, die von dieser Arbeit leben können, noch weniger Vielfalt, noch mehr Mainstream. Noch weniger Literaturfreiheit, noch mehr marktgerechtes Schreiben. Noch weniger Raum für Ungewöhnliches, Überraschendes und Abseitiges.

Wenn alle anderen ruhig sind, sollten wir das ausnutzen, um umso lauter auf unsere Situation und Interessen aufmerksam zu machen!